Casus belli und “false flag"-Aktionen
Die Meldungen über mutmaßliche russische Provokationen häufen sich, man spricht gar von Drohnenangriffen und gezielten Tests der Nato-Abwehr. Sogar von Abschüssen russischer Jets ist die Rede. Handelt es sich dabei um reale Bedrohungen, um Paranoia oder um eine gut geplante Strategie?
Am 16. September erklärte der italienische Geheimdienstdirektor Giovanni Caravella in einer parlamentarischen Anhörung, Russland könne keine echte Bedrohung für die NATO darstellen und der Drohnenangriff in Polen sei höchstwahrscheinlich auf eine Störung der ukrainischen Flugabwehr zurückzuführen. Diese Analyse wurde vom ehemaligen Chef der italienischen Luftwaffe, General Tricarico, bestätigt, der erklärte: „Russland stellt für niemanden eine Bedrohung dar, und wer behauptet, es sei ein potenzieller Aggressor, insbesondere gegenüber der NATO, irrt sich."
Wenn der Geheimdienst und der General recht haben, so kann dies nur bedeuten, dass ein Casus Belli gesucht wird – eine uralte Praxis, die bereits die alten Römer anwandten. Eine Tradition, die die Briten mit der Masche der “false flag”, also der „falschen Flagge“ kombiniert haben. Eine Taktik, die auf die Piraterie des 16. Jahrhunderts zurückgeht, als englische Freibeuter unter falscher Flagge segelten und erst im letzten Moment, in der Nähe der spanischen Galeone, kurz vor dem Entern, ihre Piratenflagge hissten. Die Angelsachsen verfeinerten diese Taktik und gaben sie dann an ihre amerikanischen Cousins weiter. Man denke nur an die vorgetäuschte Versenkung der USS Maine, die 1898 den Spanisch-Amerikanischen Krieg auslöste, an die Operation Ajax im Iran 1953 oder den Tonkin-Zwischenfall 1964 in Vietnam.
Die alten Römer sagten: „Si vis pacem para bellum“ - Wer Frieden will, bereite sich auf den Krieg vor. Heute ist auf der italienischen Halbinsel unter den scharfsinnigen Kommentatoren ein neuer Satz in Mode: „Wer Krieg will, muss lügen.“ Seit Beginn des Krieges in der Ukraine sind diese Aussagen allgegenwärtig; in den letzten Wochen tauchten sie fast täglich auf. In den Schlagzeilen der großen Medien wird unerbittlich Alarm geschlagen, was sich oft schon nach wenigen Tagen als Falschmeldung herausstellt. Doch die Richtigstellung beschränkt sich auf das Kleingedruckte auf den Innenseiten. Was einer Bevölkerung, die an intermittierender Aufmerksamkeitsstörung leidet, im Gedächtnis bleibt, sind die Botschaften der ersten Schlagzeilen.
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