Das Drama um die ukrainischen Kinder
Russlands Präsident Putin wird beschuldigt, ukrainische Kinder zu entführen, ein „Ungeheuer“, das Kinder stiehlt. Deswegen wurde sogar ein Haftbefehl gegen ihn erlassen. Einiges erscheint dabei ungereimt und verwirrend. Ein Versuch, hinter die Fassade der Kriegspropaganda zu blicken.
Am 9. September 2025 stellte Ursula von der Leyen während ihrer Rede zur Lage der Union im EU-Parlament einen ukrainischen Jungen namens Sascha (14) vor, der mit seiner Großmutter Ludmilla im Plenarsaal zwischen den Abgeordneten saß. Die Präsidentin der Kommission erzählte in groben Zügen die Geschichte des Buben, der seine Mutter während der Kämpfe um Mariupol verloren hatte und in ein „Internat” (Heim für Minderjährige) in Russland geschickt worden war. Nur dank der Hartnäckigkeit seiner Großmutter, die bis nach Russland gereist war, um ihn zu suchen, gelang es, in die Ukraine zurückzubringen. Das gesamte Parlament, mit Ausnahme einiger Oppositionsgruppen, erhob sich und applaudierte den beiden.
Ein paar Wochen zuvor hatte Macron gesagt: „Putin ist ein Raubtier.” Ein Ungeheuer, ein „ocre“, der Kinder stiehlt, wie in den Märchen. Von der Leyen hatte Saschas Geschichte als paradigmatisches Beispiel für Putins genozidale Boshaftigkeit beschrieben. Dies war durch den Haftbefehl vom 17. März 2023 bestätigt worden, den der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag wegen mutmaßlicher Deportation von Minderjährigen gegen ihn erlassen hatte. Aber kein Kommentator und kein Medium hatte sich wirklich eingehend mit Saschas Geschichte befasst. Diese wirft einige Fragen auf. Wenn die Großmutter ukrainischer Staatsangehörigkeit ist und die Russen so feindselig sind, wie konnte sie dann so einfach frei nach Russland reisen und ihren Enkel aus dem Internat, wo er sich befand, abholen? Wenn die Russen Kinder entführen und umerziehen wollen, warum haben sie das Kind dann freiwillig seiner Großmutter zurückgegeben?
Viele offene Fragen
Um mehr über diese Fragen zu erfahren, haben wir mit Ennio Bordato gesprochen, dem Präsidenten der Organisation AASIB, die sich seit Ende der 1990er Jahre für die Unterstützung von Minderjährigen in der ehemaligen Sowjetunion einsetzt.
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