Zum Hauptinhalt springen
Narrenschiff Thomal Bühler
"Narrenschiff" von Thomas Bühler (2009). © CommonsWikimedia.

Das Narrenschiff

Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit, lautet ein Zitat, das dem römischen Autor Aulus Gellius zugeschrieben wird. Nur langsam, oft nach Jahren, mit viel Geduld und Erfahrung kommt die Wahrheit ans Licht. Aber manchmal ist die Wahrheit schneller als die Zeit.

Walter Posch | Kommentar | 27. Februar 2026

„Die Wahrheit wird nie wertlos sein,

Und wenn sich Narren den Hals abschrein.“

So heißt es im Geleitwort, das Sebastian Brant den 112 Kapiteln seines Buches „Das Narrenschiff“ voranstellt. 1494 am Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit noch vor der Reformation erschienen, wird das Buch des in Straßburg geborenen Humanisten, der bis 1500 als Professor für Rechtswissenschaft sowohl für das kanonische als auch das Römische Recht und danach als Syndikus, Stadtschreiber und Kanzler der Freien Reichsstadt Straßburg tätig war, zum internationalen „Bestseller“ bis Goethes Werther, was sich der lateinischen Übersetzung seines Schülers Jakob Locher aus dem Jahr 1497 verdankt, womit das Werk dem gebildeten Bürgertum zugänglich wurde. Aber auch die 112 in sich abgeschlossenen Kapitel samt Illustration mittels 114 Holzschnitten, von denen einige dem jungen Albrecht Dürer zugeschrieben werden, trugen wesentlich zu seiner Popularität bei.

Bald nach der Veröffentlichung erschienen Übersetzungen aus dem Lateinischen ins Englische, Französische und Niederländische, und bis Brants Tod gab es bereits 16 Auflagen seiner Satire in Versen, mit denen Brant den Narren seiner Zeit den Spiegel vorhielt und deren Laster und Torheiten geißelte. Jedes Kapitel des Schiffes voller Narren, das sich nach „Narragonien“ aufmacht, steht für eine bestimmte Defizienz, die breite Palette reicht von Habsucht, Schwätzerei, Prassen, Selbstgerechtigkeit, Gewalt, Hass, Neid, Selbstgefälligkeit, Wucher bis hin zum Verfall des Glaubens, der Allegorie für das Schiff der Kirche, das durch Sünden schwankt, und jener des Reiches, das durch unfähige Herrscher unterzugehen droht.

CommonsWikimedia Brant Narrenschiff webHolzschnitt in Sebastian Brant, Das Narrenschiff. © CommonsWikimedia.

Die Vorahnung Brants wurde von Zeitgenossen frenetisch aufgenommen und begründete eine Tradition von „Narrenliteratur“ vom „Lob der Torheit“ des Erasmus von Rotterdam bis zum volkstümlichen Till Eulenspiegel.

Unbegrenzter Zugang zu allen Inhalten

Gratis Testabo für 4 Wochen
Ein Monatabo oder das
günstigere Jahresabo

Sie sind bereits Libratus-Abonnent?
Melden Sie sich hier an: