Die göttliche Saite
Trotz oder wegen all der Weihnachtskartenschreiberei, Glühweingenusses, Hast- und Hetzeinkäufe stellt sich bei vielen von uns bereits die Sehnsucht nach dem so liebgewordenen Weihnachtsfest ein. Dabei sind die Ansprüche an die einmaligen Feiertage unzählbar: Friedlich möge es sein, zauberhaft und gemütlich, alles soll köstlich schmecken und wir wollen Überraschungen verteilen und - bitte sehr - auch erhalten.
Obendrein sind wir bei Weihnachten strukturkonservativ: Alles soll so sein wie früher, eine Änderung oder Neuerung wäre ein Frevel. Wo der Zeitgenosse prinzipiell gerne glauben möchte, Neues sei besser, Altes gehöre aussortiert und „modernisiert“, so macht er bei Weihnachten eine Ausnahme. Offenbart diese Haltung möglicherweise mehr als nur das Heimweh nach einer unwiederbringlich verflossenen Kindheit, in der man noch träumen konnte und voll des Staunens und der Vorfreude war?
Wo wir als Erwachsene uns viel auf die "ratio" einbilden und uns gerne ob unserer reichen Lebenserfahrung und damit erworbenen Expertise in allen Belangen abgebrüht geben, holen wir uns für ein bis zwei Tage die Kindheit zurück. Ja, wir werkeln nun hinter der verschlossenen Türe und kennen die Schliche, mit denen daheim damals jede Überraschung für uns Kinder gut vorbereitet worden ist. Doch das Kind in uns freut sich auch heuer wieder sehr über dieses Fest!
Vielleicht sind wir in diesen Tagen echter und mehr wir selbst als die 364 verbleibenden Tage des Jahres.
Wie ich darauf komme?
Herzen der Soldaten berührt
Nun, auch bei meinem Dienst in der Militärdiözese kann ich beobachten, wie Adventkranzweihe und vorweihnachtliche Gottesdienste die Herzen berühren. Wird hier vielleicht in den Menschen, ob den Glauben praktizierend oder möglicherweise gar nicht getauft, eine Saite zum Klingen gebracht, die dieselbe ist wie damals bei den Hirten auf dem Felde oder bei den Weisen aus dem Morgenland?
Im Gegensatz dazu steht die geradezu belustigende, doch höchst verbreitete Auffassung, der sogenannte „moderne Mensch“ (damit ist irrigerweise ausnahmslos der zeitgenössische gemeint) unterscheide sich grundlegend von jenem anderer Epochen, wie dem „finsteren“ Mittelalter oder der Antike. Wir Bewohner des fortschrittlichen 21. Jahrhunderts kennen uns überall besser aus, haben alle Illusionen der Vergangenheit längst abgelegt und uns von lästigem Ballast befreit.
Weihnachtsbeleuchtung an einem Haus in Welling/UK. © CommonsWikimedia, geograph.org.uk.
Und dann werden wir plötzlich von sentimentalen Gefühlen heimgesucht, förmlich überwältigt, die so ganz anders sind als die klinisch reinen Vorstellungen von der Welt und über den Menschen.
Ja, Weihnachten legt frei, was für aufgeklärte Geist schwer erträglich ist: Der Mensch ist und bleibt derselbe. Er hat zu allen Weltzeiten dieselben Neigungen und Sehnsüchte, streckt sich stets nach dem aus, was ihn übersteigt und wovon er wohl eine scheinbar instinktive Ahnung hatte. Damit im Kampf liegen freilich auch die allzu menschlichen Eigentümlichkeiten und animalischen Triebe.
Den Zauber von Weihnachten kann man in diesem Aufbrechen von Sehnsüchten und Ahnungen sehen, die dem Menschen zutiefst innewohnen, welche aber in der unaufhörlich lauten und betäubenden Welt die längste Zeit erfolgreich überlagert und unterdrückt werden.
Wiener Christkindlmarkt am Rathausplatz. © CommonsWikimedia.
Es sind kurz zusammengefasst die unmerkliche Kraft der reinen Liebe, die Hoffnung auf einen wahren Frieden, der innerlich und sichtbar zugleich sein will, und die intuitive Sehnsucht nach dem Göttlichen, was in diesen heiligen Zeiten aufbricht. Es ist dies die Ahnung des Großen über-menschlichen, welches den Schöpfer von Kreatur und Kreation unterscheidet.
Als die Engelchöre den schlichten Schafhirten erscheinen und mit Lichtflut und Gesang die Sinne verwirren, da wird in ihnen die genannte Saite angeschlagen. Sie folgen der himmlischen Botschaft, nach Bethlehem zu gehen, nicht aus Neugierde oder Sensationslust, sondern weil sie innerlich berührt sind und eine Hoffnung erfüllt zu sein scheint, derer sie sich möglicherweise einfach nur bewusster waren als wir heute.
Sehnsucht und Hoffnung
Sie wissen um diese Sehnsucht und Hoffnung wohl kaum aufgrund der Lektüre der Propheten, sondern eher, da sie mangels Ablenkungsmechanismen in stillen Nächten und an langen Tagen in sich hineinhorchen und den Schöpfer in der Natur am Werk sehen können.
Oder als die Weisen aus dem Morgenland anrücken, um dem Neugeborenen ihre Geschenke darzubieten, da ist das keine Forschungsexpedition oder Vergnügungsreise. Sie hatten in der Außer-Ordnung der Gestirne eine kosmische Botschaft gelesen, der sie Folge leisten mussten. Der innere Drang nach tieferer Erkenntnis und die in den Himmelskörpern erlesene Botschaft ließen keine andere Reaktion zu. So kommen sie also zu dem neugeborenen König in den ärmlichen Höhlenschuppen nach Bethlehem.
Licht geht vom Kind aus
Die Kunst hat beide Begegnungen herrlich ausgemalt. Das Licht geht von dem Säugling aus, die Viehhirten liegen sogleich auf den Knien und können das Glück nicht fassen, die privilegierten ersten Besucher zu sein. Er ist wirklich da! Der Messias, von dem sie die ein oder anderer Verheißung aufgeschnappt haben dürften.
Dann folgen die Sterndeuter, in Haltung und Kleidung hochwürdig und huldvoll. Trotz aller Konvention und Etikette ist ihre Reaktion derer der schlichten Hirten ähnlich. Auch in ihnen kommt das Kind zum Vorschein, das staunt und sich herzlich freut, als sie dem ungekrönten Kinds-König ihre Reverenz erweisen. Endlich hat für sie der lange Weg sein Ziel gefunden, das Leben seinen Sinn erhalten. Die göttliche Saite klingt auch in ihnen, den Heiden.
Mitternachtsmette in der Kirche St. Mary's. © CommonsWikimedia.
Uns Nachgeborenen mag die materielle Anschauung des kleinen Gottmenschen Jesus Christus vorenthalten bleiben, doch auch wir sind zur Grotte von Bethlehem gerufen, auch uns rufen Engel zu und weist der Kosmos den Weg. Folgen wir der inneren Sehnsucht nach Frieden und Liebe, die geschenkt und angenommen sein will. Dann werden wir den Erlöser des ganzen Menschengeschlechts finden. Er versteckt sich gern und ist doch immer da.
Wie wird er später sagen, als die Sterndeuter schon lange abgereist sind? „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40)
Zu Weihnachten kommt dieses geistige Sehnen wieder zum Vorschein. Ertränken wir es nicht in Glühwein und schütten wir es nicht mit Backwerk und Ablenkungen zu. Gehen wir zu IHM, der sich sowohl im Nächsten finden läßt, als auch in der hl. Kommunion bei der hl. Messe, in jeder Kirche, in der Stille.
Wer Ihn einmal gefunden hat, bei wem diese Saite einmal angeklungen ist, wird auch über das Fest der Liebe hinaus die Ewige Liebe anbeten und staunen und sich freuen, wie die Hirten, wie die Könige, wie so viele Liebende und Sehnende der Weltgeschichte.♦