Die Neuerfindung des linken Antisemitismus
Postkoloniale Theoretiker weisen den Vorwurf des Antisemitismus stets empört zurück. Gleichzeitig wird der Begriff zerlegt und umgedeutet – und damit neu erfunden. Ein Wegweiser durch den Irrgarten von Kolonialismus, Rassismus, Imperialismus und Apartheit.
Wer heute Vertretern der postkolonialen Theorie Antisemitismus vorwirft, stößt auf eine bemerkenswerte Abwehrreaktion: Der Vorwurf wird als Knüppel einer vermeintlich kolonialen „zionistischen Lobby“ diffamiert – und zugleich wird Antisemitismus kurzerhand für begrifflich unmöglich erklärt. Denn im neuen Raster kann nur der unterdrückt sein, der „nicht-weiß“, kolonial geschädigt und strukturell machtlos ist. Juden hingegen gelten als „weiß“, privilegiert und als Teil eines westlichen Machtblocks. Ergebnis: Antisemitismus verschwindet – und kehrt durch die Hintertür zurück, neu codiert als „antirassistische Kritik“.
Diese Uminterpretation ist kein bloßer Streit um Worte. Sie entkernt den Antisemitismusbegriff so gründlich, dass klassische Muster wieder gesellschaftsfähig werden: die Zuschreibung geheimer Macht, globaler Einflussnetze und moralischer Verderbnis – nur diesmal im Vokabular von „Kolonialismus“, „Imperialismus“ und „Apartheid“.
Postkoloniale Autoren wie die kanadische Politologin Karen Brodkin pressen Judenfeindschaft ins Schema „Weiß gegen Schwarz“ und erklären Antisemitismus zum bloßen Rassismus. Brodkin spricht vom „Weißwerden“ der Juden nach 1945 und beschreibt den Antisemitismus des 19. Jahrhunderts mit Begriffen, die eher nach Fremdenfeindlichkeit klingen. Juden hätten früher als „ungewaschen, ungehobelt, unkultiviert, laut und aufdringlich“ gegolten – heute nicht mehr.
Der Filmemacher Abdallah Alkhatib sorgte beim Berlin Film Festival 2026 für einen Skandal, indem er der deutschen Regierung Mithilfe beim Genozid vorwarf. Sein Film über Gaza "Chronicles from the Siege" gewann den Hauptpreis. © CommonsWikimedia, Celestinesucess.
Das ist historisch falsch. Der Philosoph und Sozialwissenschaftler Ingo Elbe hat in seinem Buch „Antisemitismus und postkoloniale Theorie“ präzise herausgearbeitet, warum der postkoloniale „Weiß/Schwarz“-Code am Kern der Judenfeindschaft vorbeigeht: Antisemitismus ist nicht bloß ein Macht- oder Hautfarbenkonflikt, sondern eine Verschwörungsweltdeutung. Elbe: „Der Antisemit wähnt sich als Opfer jüdischer Weltherrschaft.“
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