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Familie Valentin Eltern Kinder
Ein Bild aus glücklichen Tagen: Die Familie Valentin noch vereint. © M. Manera.

Die traurige Geschichte der gestohlenen Kinder

Der italienische Staat entreißt oft gewaltsam und ohne triftige Gründe Kinder ihren Familien. Ein Drama für Eltern, die oft nicht einmal wissen, wo ihre Kinder sind und wie es ihnen geht. Dabei geht es auch um Politik. Ein Besuch bei Betroffenen.

Manfred Manera | Gesellschaft | 16. Januar 2026

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Seit Ende November sorgt die Geschichte der „Familie im Wald” in Italien für Aufsehen. Dem Ehepaar Trevallion - sie Engländerin, er Australier - die sich entschlossen hatte, etwas exzentrisch in einem Wald in den Abruzzen in einem kleinen Haus mit einem Pferd, drei Hühnern und einem Hund zu leben, wurde ihre Kinder weggenommen und ihre Erziehungsfähigkeit infrage gestellt. Man ging davon aus, dass sich der Fall angesichts der weihnachtlichen Stimmung wie ein Märchen mit Happy End lösen würde. Stattdessen scheint es sich um eines dieser archaischen Märchen zu handeln, deren Ausgang oft viel grausamer ist als die von Walt Disney abgeschwächten Versionen.

Die zuständigen Richter und die Bürokratie haben sich als unerbittlich erwiesen und, wohl durch den internationalen Medienrummel um den Fall verärgert, die Zusammenführung der Familie nicht einmal zu Weihnachten zugelassen. Und angesichts der biblischen Zeiten der italienischen Justiz wird die Lösung auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Trevallions, die an das angelsächsische Rechtsverständnis gewöhnt sind, dachten offenbar, dass der Staat es nicht wagen würde, sich in diesem Maße in das Privatleben der Bürger einzumischen.

Kindern ihre Eltern wegzunehmen, ist eine brutale Maßnahme, die nur dann als letztes Mittel gerechtfertigt ist, wenn in der Familie Gewalt oder Vernachlässigung vorliegt, die um das Wohlergehen der Kinder fürchten lässt. Dies war jedoch nach allen Erkenntnissen nicht der Fall.

Sicher, die Familie Trevaillon lebte auf primitive Weise in einem mit einem Holzofen beheizten Haus und mit einem Außen-WC. Andererseits geht aus den Zeugenaussagen hervor, dass es sich um eine liebevolle Familie handelte, mit mehrsprachigen Eltern, die sich kreativ um ihre Kinder kümmerten, ohne sie vor den Fernseher oder das Smartphone zu setzen.

Alternative Lebensweise bestraft

Die Kinder konnten im Freien herumtollen und in einer idyllischen Umgebung mit Tieren spielen.  Sie hatten sich für das vom italienischen Staat ermöglichte Heimschulprogramm entschieden. Sicherlich muss das Paar für diese Lebensweise starke Überzeugungen und Ideale haben. Ist das ihre Schuld, wie aus den Gründen des Urteils hervorgeht? „Sie haben Überzeugungen, von denen sie nicht abweichen wollen“, schreibt der Richter in seinem Entscheid, die Kinder abnehmen zu lassen. Für den Richter scheint es ein Verbrechen oder etwas Gefährliches zu sein, Ideale zu haben und ihnen zu folgen.

Die Familie hatte tatsächlich versucht, gemäß der offiziell propagierten und von der öffentlichen Meinung idealisierten „grünen” Ideologie ökologisch zu leben. Die „grüne” Ideologie ist jedoch offenbar nur dann in Ordnung, wenn sie durch die „grünen” Standards der EU-Bürokratie kontrolliert wird, nicht aber, wenn sie wirklich so gelebt wird, wie es die Trevallions taten. In diesem Fall erscheint sie als subversiv.

Nach einer ersten Phase des Widerstands, in der sie befürchteten, ihre Kinder ganz zu verlieren, beschlossen die Eltern schließlich, den Forderungen der Richter nachzugeben. Auf Anraten ihrer Anwälte hielten sie sich an die Pressesperre und gingen Kompromisse ein, um ihre Kinder zurückzubekommen. Sie erklärten sich bereit, das Haus im Wald gemäß den neuen europäischen Baunormen zu renovieren (dies war einer der Vorwände für die Wegnahme der Kinder). Weiters erklärten sie sich bereit, ihre Kinder gegen alles mögliche impfen zu lassen; als wäre dies eine Voraussetzung dafür, gute Eltern zu sein, obwohl in vielen Ländern Europas Impfungen freiwillig sind und nur empfohlen werden.

Kein Treffen zu Weihnachten

Aber alle Bemühungen der Eltern, den Behörden entgegenzukommen, waren vergeblich. Nicht einmal zu Weihnachten gab es ein Treffen. Die Kinder sind weiterhin in einem sogenannten „Kinderheim” untergebracht. Der Vater darf sie nur sehr selten sehen, und die Mutter, obwohl sie im Obergeschoss desselben Gebäudes wohnen darf, hat nur eingeschränkten Kontakt zu ihnen. Um die Demütigung noch zu verstärken, haben die unerbittlichen Richter schließlich eine psychiatrische Begutachtung der Eltern angeordnet, die erst Ende Januar beginnen und mindestens vier Monate dauern wird. Die Trevallions sind verzweifelt, und Nathan, der Vater, äußert sich gegenüber der Zeitung „Il Secolo d'Italia“ wie folgt: „Meine Kinder sind von Angst zerstört. Sie befinden sich in einem Zustand ständiger Unruhe. Wenn es für mich Zeit ist zu gehen, versuchen sie, sich mit etwas anderem zu beschäftigen... Als wollten sie vor ihren Gefühlen fliehen. Meine Tochter versucht, ihren Schmerz zu unterdrücken, indem sie sich in die Finger beißt, bis sie rot werden.“

Eine zerstörte Familie. Während sich in den Vororten der Großstädte Italiens, wie in den Roma-Lagern, wo Kinder zwischen Müll leben und zum Stehlen verleitet werden, sich nicht einmal die Polizei hineinwagt, geschweige denn die Sozialdienste.

Villa Manera webDie Landvilla der Famlilie Valentin bei Arrezzo. © M.Manera.

Das traurige Schicksal der unglücklichen Familie hat jedoch zumindest dazu geführt, dass eine beunruhigende Realität ans Licht gekommen ist, die in Italien weit verbreitet ist. In Anlehnung an die Trevallions ist in diesen Tagen die Geschichte der Familie Valentin in die Schlagzeilen geraten. Diese stammt ursprünglich aus Südtirol und ist in die Hügel bei Arezzo in der Toskana gezogen – bis ihnen Sozialarbeiter mit unerhörter Gewalt ihre Kinder weggenommen haben.

Die Valentins leben nicht im Wald, sondern in einer Villa, die mit allem Komfort und moderner Technik ausgestattet ist. Dazu gehören auch Videoüberwachungsgeräte, wie sie auf dem Land gegen Diebstahl eingesetzt werden. Die brutale Entführung der Kinder wurde somit vollständig auf Video aufgezeichnet. Zwölf Carabinieri in kugelsicheren Westen stürmten die Villa und entführten ihre beiden fünf und zehn Jahre alten Kinder. Sie gaben ihnen nicht einmal Zeit, sich anzuziehen. Die Carabinieri hatten jedoch nicht bemerkt, dass es Überwachungskameras gab, und die Schreie der von ihren Eltern entrissenen Kinder sind auf den Videos laut und deutlich zu hören. 

Wir haben die Familie persönlich besucht. Der Vater, Harald Valentin, Mitte vierzig, stammt aus Südtirol, seine Frau Nadia, Mitte dreißig, kommt aus Weißrussland. Der Ort ist idyllisch, in der Nähe liegt Michelangelo Caprese, der Geburtsort von Michelangelo Buonarroti. Es ist schwer, sich einen angenehmeren Ort zum Aufwachsen für Kinder vorzustellen, und die Eltern, obwohl sie viel durchgemacht haben, empfangen uns herzlich und gastfreundlich. Sie scheinen eine Vorzeigefamilie zu sein. Mit Harald sprechen wir Deutsch, seiner Muttersprache. Nadia redet wie ein Wasserfall in ausgezeichnetem Italienisch.

Nadia: „Vor 87 Tagen haben sie uns unsere Kinder weggenommen, und bis heute wissen wir nicht, wo sie sind.“

Libratus: „Gab es irgendwelche Kontakte?“

Nadia: „Keine, nicht einmal einen Anruf!“ Und sie wiederholt fast schluchzend: „87 Tage lang...“

Libratus: „Aber warum haben sie das getan?“

Harald reicht uns die gerichtliche Verfügung, in der steht, dass die 5- und 10-jährigen Kinder nicht dem Heimunterrichtsprogramm entsprachen.

Harald: „Wir sind erst vor kurzem umgezogen, und zwischen Südtirol und der Toskana gab es Verzögerungen bei der Registrierung der Kinder – dann steht dort auch, dass die Kinder nicht vom Gesundheitsdienst betreut wurden.“

Libratus: „Stimmt das?“

„Völlig falsch“, antwortet Nadia, und Harald reicht uns das Gesundheitsheft der Kinder mit den ärztlichen Bescheinigungen über die Impfungen. Wir stellen also fest, dass es sich um eine falsche Anschuldigung handelt.

Kinder und Gesundheitswesen Manera webDas Zeugnis des Südtiroler Gesundheitsdienstes war positiv. © M. Manera.

Libratus: „Sie wurden Ihnen also nur wegen einer Verzögerung bei der Kommunikation zwischen Südtirol und der Toskana so brutal weggenommen? Keine Erwähnung von häuslicher Gewalt oder anderem. Ach ja, es heißt auch, Sie hätten den Besuch der Sozialdienste verhindert?“

Nadia: „Nein, das stimmt nicht.“ Und sie zeigt uns ein Video, in dem Sozialarbeiterinnen freundlich mit ihnen sprechen und ihnen Komplimente über ihre hübschen Kinder und ihr schönes Haus machen. „Wie Sie sehen, ist auch das nicht wahr“, fährt Nadia fort. „Nachdem sie mir die Kinder weggenommen hatten, brachten sie mich zu einer ersten Zwischenstation, aber dann trennten sie mich von den Kindern und ich weiß nicht, wo sie sie hingebracht haben. Meinem Mann haben sie sogar die Luft aus den Reifen seines Autos abgelassen, damit er uns nicht verfolgen konnte. Als ich während einer Pause in einer Autobahnraststätte protestierte, wo Fremde anwesend waren, haben sie mir gedroht: „Halt den Mund, oder du siehst deine Kinder nie wieder!“ Seitdem haben wir nichts mehr von ihnen gehört, wir wissen weder, wo sie sind, noch bei wem. Nicht einmal ein Anruf. Wir sind am Boden zerstört.“

Villa interior Manera webDie Spielsachen der Kinder liegen bereit für ihre Rückkehr. © M. Manera.

Wir verlassen dieses schöne Haus mit einem Kloß im Hals und ohne den Grund für diese Gewalt zu verstehen. Beim erneuten Lesen der Urteilsbegründung fällt der Satz „sie erklären, dass sie die staatlichen Institutionen und Behörden nicht anerkennen“ ins Auge.  Aber reicht das aus, um den Eltern die Kinder wegzunehmen und ein solches unheilbares Trauma zu verursachen? Offensichtlich ja, da die anderen angeführten Gründe entweder falsch oder belanglos waren.

Sowohl die Familie Travallion als auch die Familie Valentin, sind Familien von Dissidenten und Kritikern des Systems. Aber Dissidenten ihre Kinder wegzunehmen, war in totalitären Staaten üblich, in der Sowjetunion oder während des Nationalsozialismus. In einem totalitären Staat wird jede Lebensform, die nicht der Staatslinie folgt, als Gefahr angesehen. So ist es auch heute in China. Bereits zu Beginn des Marxismus betrachtete Friedrich Engels die Familie als eine Institution, die abgeschafft werden sollte, als ersten Kern einer Sklavengesellschaft, in der die Frau dem Mann unterworfen ist, und wünschte sich, dass die Kinder dem Staat anvertraut würden. Diese Vorstellung hat sich offensichtlich bis in die Bürokratie der italienischen Justiz übertragen.

Die Härte gegenüber den beiden Familien hat wohl auch eine politische Ursache. Die Richtervereinigung rächt sich an den beiden Familien, weil diese zu viel mit den Medien gesprochen und ihre Geschichte zu einem Zeitpunkt bekannt gemacht haben, an dem sich die Regierung Meloni und die Richter in einem Machtkampf befinden. Die Regierung hat nämlich eine Justizreform auf den Weg gebracht, die der italienischen Richterschaft missfällt. Diese hat sich in den letzten dreißig Jahren zu einer außer Kontrolle geratenen Macht entwickelt, die sich für überlegen und unanfechtbar hält und dem Verfassungsgericht und dem Präsidenten der Republik untersteht. Mattarella wiederum befindet sich in einem Machtkampf mit der Regierung Meloni.Mattarella Meloni 100th anniversary of the Italian Air Force 2023 Qirinale webDer Haussegen zwischen Staatspräsident Mattarella und Ministerpräsidentin Meloni hängt aktuell schief - es gibt einen Machtkampf um die Justiz (hier bei der 100-Jahr-Feier der Luftwaffe 2023). © CommonsWikimedia, Quirinal.

Die Richterschaft hat in den letzten zwanzig Jahren die Regierungen praktisch entmachtet, indem sie die illegale Einwanderung gefördert und die Maßnahmen der Regierung gegen die in Italien weit verbreitete Kriminalität behindert hat. Die Justizreform muss im Frühjahr dieses Jahres durch ein Referendum ratifiziert werden, und sicherlich haben die Ereignisse um die beiden Familien die Richterkorporation in der öffentlichen Meinung in ein schlechtes Licht gerückt. Daher rührt der offensichtliche Rachegeist.

Und schließlich gibt es noch eine eher finanzielle Erklärung. Das System der Kinderheime und Sozialarbeiter ist ein Geschäft, das mit großzügigen Finanzmitteln aus der EU verbunden ist. Es gibt in Italien 330.000 Minderjährige, die von der Bürokratie der Sozialarbeiter betreut werden, und mindestens 42.000 Kinder, die in Heimen untergebracht sind. All dies bedeutet jedes Jahr einen Umsatz in Milliardenhöhe, um eine sich verselbständigende Bürokratie zu bezahlen, die wie die Richter unantastbar ist und fast nie für ihre Fehler bezahlt. Die Logik ist sehr ähnlich wie beim „Geschäft” mit der illegalen Einwanderung. Ich erinnere mich sehr gut an eine Freundin, die bei der Caritas in Wien arbeitete und sich darüber beklagte, dass in einem Jahr nur wenige Flüchtlinge kamen. „Ich habe zu wenige ‚Kunden‘“, sagte sie. Sie bezeichnete die Flüchtlinge als Kunden, als Teil eines „Geschäfts“, ebenso wie die Kinder, die ihren Familien entrissen wurden.

Die traurigen Geschichten der Familien Trevallion und Valentin sind besonders erschütternd in Italien, dem Land, in dem nach alter Tradition die Mutter, die Madonna mit dem Kind, die in jeder Kirche und an jeder Straßenecke zu finden ist, die am meisten verehrte Figur ist. Man kann sich des Verdachts nicht erwehren, dass der italienische und der europäische Staat durch „Gender“-Sexualerziehung und die Bürokratie der Sozialdienste die Absicht haben, den Sinn für Familie gerade in dem Land auszurotten, in dem er seine tiefsten Wurzeln hat und wo er dem Aufkommen der von den globalen Eliten so begehrten technologischen und transhumanen Welt den größten Widerstand leisten könnte.♦

Manfred Manera

Autor bei Libratus

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