Die „Utopia“ des Thomas Morus
Am Anfang war Energie, und diese endet nicht mit dem Tod. Es gibt außerhalb unserer wahrnehmbaren Realität von Raum und Zeit noch andere Seinsweisen. Dafür gibt es eine Reihe von Zeugen aus verschiedenen Disziplinen der Naturwissenschaft. Ein „Utopia“ ist vorstellbar. Dies ist eine der großen Kämpfe der Jetztzeit.
Als ich vor mehr als 50 Jahren an der katholisch-theologischen Fakultät meine Dissertation über die exegetischen Arbeiten des Erasmus von Rotterdam zu defendieren hatte, fragte mich der damalige Dekan nach dem Einfluss, den Erasmus-Freund Thomas Morus auf dessen exegetischen Arbeiten gehabt hat. Ich konnte mir damals natürlich noch nicht vorstellen, dass ich nach einem halben Jahrhundert wieder Thomas Morus begegnen würde. Erasmus und Thomas Morus waren befreundet und beseelt von dem Gedanken, dass es einmal eine Gesellschaft ohne Dummheit geben würde: ohne stultitia, ohne Dummheit im Wissen - Lob der Torheit - oder ohne Dummheit in der Staatsführung.
Da Thomas Morus, der geographisch sehr interessiert war, auch mit Amerigo Vespucci in Kontakt war, lokalisierte er den Idealort seines Romans zunächst im Westen der Welt, dann aber an einen Ort, den es eigentlich gar nicht gibt. Denn zeitkritisch gesehen - wird es den idealen Staat nie geben – da das peccatum originale (die ursprüngliche, die Erbsünde, Anm.) der Regierenden und der Regierten verhindert das. Allerdings könnte man die Wahl dieses Ortes Utopia nicht nur zeitkritisch, sondern auch hintergründiger sehen: als eine Seinsweise, die es in dieser Welt deshalb nicht geben kann, weil er jenseits von Raum und Zeit – jenseits unserer Sinnesorgane - transzendent sich befindet, aber trotzdem existiert.
Prof. Johannes Huber bei seiner Dankesrede. © E. Fürst, Stift Heiligenkreuz.
In der antiken Seefahrt gab es eine nautische Richtlinie, die bis zum Ende des Mittelalters bei den Seefahrern Gültigkeit hatte: „non plus ultra“ - nicht über die Säulen des Herkules hinaus zu segeln. Dies bezeichnet die heutige Straße von Gibraltar, denn dort lauert das „finis terrae“ - das Ende der Welt. Nach der Entdeckung Amerikas änderte die spanische Krone diese Empfehlung in „plus ultra“ - wir wagen uns dennoch hinaus –, ein Wahlspruch, der heute noch im spanischen Wappen steht.
Non plus ultra
Würde man diese beiden Sätze von der Schifffahrt auf die religiöse Musikalität der Jetztzeit umlegen, so kämen wir wieder in die antike Denkweise zurück: non plus ultra. Eine Einseitigkeit, denn ein „plus ultra“ gibt es für die derzeitige Diesseitigkeit offenbar nicht.
Das Leben - und das ist die „common opinion“ der Jetztzeit - sollte nur hier in seiner Immanenz reichlichst aufgefasst werden, um alles im Diesseits anzusiedeln und der Erde treu zu bleiben. Die Erhebung des Konsums zum Maß aller Dinge gleicht einer säkularen Investitur – einem Eintrittsschein in die Neue Zeit. „Non plus ultra“ bedeutet, man bricht alle Brücken zu anderen Seinsweisen ab und ist an Fragen der Transzendenz nicht mehr interessiert. Utopia als ein Ort jenseits von Raum und Zeit interessiert nicht mehr. Die transzendentale Verarmung der Gegenwart ist damit gewaltig.
Würde man diese Verarmung als Christen akzeptieren, wäre das fatal. Interessanterweise warnen gerade religiös gar nicht so musikalische Philosophen davor: In einem seiner letzten Interviews vor seinem Tod mahnte Jürgen Habermas vor einem „Wellness Christentum“, das die große Erzählung von Tod und Auferstehung und damit auch die andere Seinsweise - Utopia - hinausetikettiert. Und Peter Sloterdijk meinte, dass es ein großer Fehler wäre, wenn die christliche Urbotschaft – nämlich des Exilcharakters unseres Lebens, einzig in Charity umgemünzt würde.
Zuhörer bei der Verleihung im Kaisersaal des Stiftes Heiligenkreuz. © E. Fürst
Exil bedeutet, dass es woanders eine Heimat gibt – Utopia. Möglicherweise liegt hinter UTOPIA eine verschlüsselte Botschaft von Thomas Morus verborgen. Wie etwa die Frage: Gibt es neben dieser Erde noch andere Seinsweisen? Gibt es „Utopia“?
Und das ist das - vielleicht unbewusst wahrgenommene - Ärgernis unserer Zeit: Denn abgesehen von den immer wieder versuchten Stichelungen - etwa die Infragestellung von Kreuzen in öffentlichen Gebäuden, den oft einseitig geführten Diskussionen über den Religionsunterricht und der Umbenennung des Martinsfestes in das „Fest von Sonne, Mond und Sterne“ - steht im Hintergrund eine andere Auseinandersetzung, die seltener wahrgenommen wird: Jene über die intellektuelle Redlichkeit der Jenseitigkeit, von Utopia.
Front der großen Auseinandersetzung
An dieser Front stellt sich die große Auseinandersetzung der Jetztzeit an, in der auch ich rudimentär involviert bin. Und dieses Duell ist noch nicht ausgefochten. Denn man wehrt sich, zu dieser Grundfrage auch die Wissenschaft zuzulassen, das war ein Grundanliegen Kardinal Königs (dessen Sekretär der Autor war, Anm.). Es war auch das Thema des letzten Gespräches, das ich vor seinem Tod mit ihm hatte.
Dabei ist es ja ein Unikat unseres christlichen Glaubens, den Kontakt mit der Wissenschaft, mit dem Vernünftigen zu suchen: fides quaerens intellectum - der Glaube sucht förmlich nach Affirmationen durch den menschlichen Geist. Peter Sloterdijk kleidet dies in seine Worte, wenn er sagt: Das Christentum ist die reflektorischste aller Buchreligionen.
Schon die ersten Jahrhunderte der Sancta Ecclesia waren durchdrungen von diesem Glauben auf der Suche nach dem Verstehen; als man den menschlichen Geist einzusetzen versuchte, um das Mysterium der Inkarnation, der Personwerdung Gottes zu verstehen. Oft auch in sehr kontroversieller Weise. Aber auch spätere Wissenschaftler, wie Johannes Kepler, Nikolaus Kopernikus oder Charles Newton, waren davon überzeugt, mit ihrer Beschreibung der Naturgesetze den Bauplänen des Schöpfers näher zu kommen. Einen Blick in die Konzeption der Utopia, einen Blick „hinter den Saum seines Kleides“, wie Walter Thierring es formulierte, zu werfen.
Gynäkologie als Archäobiologie
Wir Gynäkologen sind so etwas wie „Archäobiologen“ der Evolution und glauben, nachzeichnen zu können, wie erstmals unser Gehirn das Transzendente verspürte. Es muss vor etwa 1, 7 Millionen Jahren gewesen sein, als eine Veränderung in den mitochondrialen Kalziumkanäle zu einer explosionsähnlichen Vergrößerung unseres Großhirns führte – und unsere Ahnen die ausgestreckte Hand des Schöpfers zugestreckt bekamen. Und als dann der erste Mensch symbolisch gesprochen „den Kopf hob“, schaute er in eine Offenheit hinaus, aus der ihm DOPPELTES entgegenkam, das evolutionär deutlicher werden sollte: seine eigene triebunabhängige Intelligenz. Dadurch erkannte er sich zunehmend selbst. Aber er erkannte auch eine andere Intelligenz, die seine eigene übersteigt. Und damit erkannte er auch, dass die Transzendenz eine Immanenz vorbereitete: von OU-TOPOS zum TOPOS.
Das ist der große Abstieg des Logos in diese Welt.
Diese Sensibilität für Transzendentes wurde zur Mitgift unserer Gehirnentwicklung. So könnte man die Sentenz im Matthäus-Evangelium “wie im Himmel also auch auf Erden” interpretieren. Wir haben die Gabe bekommen, beides zu perzipieren: sowohl die irdische Intelligenz, aber auch die Intelligenz darüber.
Große Wissenschaftler – viele Testimonials
Otto Kernberg, einer der berühmtesten aus Wien stammenden Psychotherapeuten, fasst es so zusammen: „Aufgrund dieser Evolution hat der Mensch Gott entdeckt - und nicht erfunden“. Dies steht im Widerspruch zur heute noch gängigen, sehr populären These Ludwig Feuerbachs.
Als 2020 der Nobelpreis für die Beschreibung der schwarzen Löcher verliehen wurde, bestand der Kommentar der Laureaten in nur einem einzigen Satz: mit unserer Forschung haben wir die Grenzorte des menschlichen Verstandes erreicht, jenseits dessen sehr wohl ein „plus ultra“ existiert. Das wirkliche Archiv des Kosmos ist uns nicht zugänglich.
Aber auch von Seiten der Hirnforschung kommt eine ähnliche, fast religiöse Musikalität. So meinte der bekannte Hirnforscher Wolf Singer kürzlich: „Ich lebe mit der Gewissheit, dass das, was sich uns erschließt, nur ein kleiner Teil von etwas Größerem, nicht Erfassbare sein kann.“ Der phänomenale Raum ist also nur ein kleines Segment des Universums.
Übergabe der Thomas-Morus-Medaille samt Urkunde an Prof. Huber durch Ordensgouverneur Prinz Gundakar von und zu Liechtenstein (links) und Propst P. Johannes Paul Chavanne. Diese wird an Persönlichkeiten verliehen, die sich durch ihren Einsatz für Wahrheit und Gerechtigkeit entsprechend dem Vorbild des Thomas Morus Nachteile erfahren haben. © E. Fürst.
Affirmationen kommen auch aus der „wireless“ Welt: Federico Faggin zählt zu den bedeutenden Erfindern unserer Zeit. Er hat für die kalifornische Tech-Firma Intel den Mikroprozessor entwickelt, der den Bau des modernen Personalcomputers ermöglichte. (Bill Gates hat einmal gesagt, dass das Silicon Valley ohne die Genialität von Faggin ein Tal mit Blumenwiesen geblieben wäre.) Faggin sagt: „Für das, was wir wirklich sind, ist der Tod lediglich ein Aufwachen in eine umfassendere Realität. Eine Realität, in der wir uns immer schon befunden haben und in der wir nach dem Tod fortbestehen.“ Wenn wir alt werden und sterben, würde das nicht das Ende bedeuten.
Ein anderes Beispiel: Als Michelle Besso 1955 einen Monat und drei Tage vor seinem Freund Alfred Einstein starb, schrieb er an dessen Angehörige: „Nun ist er mir auch mit dem Abschied von dieser sonderbaren Welt ein wenig vorausgegangen. Das bedeutet nichts. Für uns Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer, wenn auch hartnäckigen, Illusion.“
Die Welt als Quantenwellenfunktion
Denn diese Welt ist eine Quantenwellenfunktion, und nur durch die Beobachtung nimmt sie teilchenartige Struktur an. Für Professor Anton Zeilinger, Nobelpreisträger und Quantenphysiker, wiederum ist der Beginn des Johannes-Evangeliums ein Programm: An Anfang war das Wort. Wobei er das Wort „Logos“ mit dem Wort „Information“ gleichsetzte. Am Anfang war also die Information.
Warum soll sie vergehen?
Oder, wie Sir Roger Penrose meinte: „Wenn ein Patient stirbt, ist es wahrscheinlich, dass diese Information außerhalb des Körpers weiterexistiert, womöglich als Seele.“ Ist es nicht so, wie die Franzosen es wunderschön formulieren, wenn sie das Sterben meinen: „rendre l’âme“ – die Seele zurückgeben.
Wenn Utopia die andere Seinsweise neben dieser Welt vorahnend beschreibt, dann hat Thomas Morus auch in der Jetztzeit viele Zeugen, die sich sehen lassen können. Die Vergänglichkeit hat nicht das letzte Wort. Das ist die Botschaft von Thomas Morus, und dafür müssen wir Christen Zeugen sein. Und dafür müssen wir manches auf uns nehmen, was weh tut.♦
Zum Weiterlesen:
Bei diesem Text handelt es sich um die Dankesrede anlässlich der Verleihung des Thomas-Morus-Preises durch den Alten Orden vom St. Georg am 12. Juni 2026.
Ein Interview mit dem Autor finden Sie auf der Website des Ordens.
Johannes Huber
Univ.-Prof. em. DDr. Johannes Huber, geb. 1946, Studium der Humanmedizin und der Theologie. Sekretär von Kardinal Franz König. Facharzt für Gynäkologie und Endokrinologie, 1993 Primar der Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Wien. Forschungen zur Wirkungsweise der Hormone und der Epigenetik. Autor zahlreicher Bücher und gefragter Vortragender.
