Zum Hauptinhalt springen

medienfoerderung

Die Kirche hat viele soziale Aufgaben des Staates übernommen. Hier bei der Präsentation eines Lerncafés der Caritas der damalige Minister Sebastian Kurz, Erzbischof Christoph Schönborn und Caritas-Direktor Michael Landau in Wien. © CommonsWikimedia, BMEIÄ.

Die weichgezeichnete Wahrheit

Das pastoral-publizistische Dilemma zwischen Furcht vor den Medien und prophetischem Auftrag. Man will das Wohlwollen der veröffentlichten Meinung nicht gefährden und vermeidet deshalb harte Wahrheiten und echte Verkündigung. Der Selbsterhaltungstrieb des Apparats wird mächtiger als der Mut zum Bekenntnis. Es gibt eine Prioritätenverschiebung: die Orientierung an den Erwartungen der Chefredaktionen anstelle der Gottesfurcht.

Manfred Bruck | Kommentar | 03. Juli 2026

Die kirchliche Sendung gründet seit jeher in einem Doppelauftrag: der Martyria, dem mutigen Zeugnis des gesprochenen Wortes, und der Diakonia, dem praktischen Dienst am Nächsten. Nach katholischem Verständnis fordert dieser Auftrag die unverkürzte Weitergabe der Offenbarungswahrheit – unbeschadet zeitgenössischer Widerstände, wie es schon im zweiten Timotheusbrief (4,2) heißt: „Verkünde das Wort, tritt auf, ob gelegen oder ungelegen, überführe, weise zurecht, ermahne, in aller Geduld und Belehrung!“

In der heutigen pastoralen Praxis zeigt sich jedoch ein tiefes Spannungsfeld: Während die Bischöfe im säkularen Gegenwind oft eine vorsichtige, diplomatische Kommunikationsstrategie wählen, wird dies von vielen Gläubigen an der Basis als lähmende Zurückhaltung wahrgenommen. Es stellt sich die dringende Frage, ob die Sorge vor dem Relevanzverlust in einer säkularen Öffentlichkeit das primäre eschatologische Bewusstsein – also das Wissen um die Letztverantwortung des Menschen vor dem Gericht Gottes – in den Hintergrund drängt.

Drei Leitfragen

Drei Leitfragen stehen dabei im Raum:

Das Kriterium der Wahrheit: Verkündet die Kirche das Evangelium in seiner Ganzheit oder filtert sie unbequeme Inhalte, die auf Widerstand und Kritik stoßen könnten, heraus?

Das Erbe der Struktur: Inwieweit hindern die historische Prägung des Staatskirchentums und die moderne Eigenbürokratie der Kirche die Bischöfe daran, als prophetische Zeugen aufzutreten?

Die eschatologische Prüfung: Ist die Anpassung an innerweltliche Diskurse vielleicht schon ein Symptom jener „letzten Prüfung“, vor der der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) in Paragraph 675 eindringlich warnt?

„Vor dem Kommen Christi muß die Kirche eine letzte Prüfung durchmachen, die den Glauben vieler erschüttern wird. Die Verfolgung, die ihre Pilgerschaft auf Erden begleitet, wird das „Mysterium der Bosheit" enthüllen: Ein religiöser Lügenwahn bringt den Menschen um den Preis ihres Abfalls von der Wahrheit eine Scheinlösung ihrer Probleme. Der schlimmste religiöse Betrug ist der des Antichrist, das heißt eines falschen Messianismus, worin der Mensch sich selbst verherrlicht, statt Gott und seinen im Fleisch gekommenen Messias.“

Schwieriges Dilemma 

Auf der Ebene der Diakonia, der helfenden Tat, agiert die Kirche über ihre Hilfswerke und sozialen Institutionen weltweit im Spitzenfeld. Doch diese unbestrittene Stärke birgt ein strukturelles Defizit: Wenn die helfende Tat vom bekennenden Wort getrennt wird, droht die Diakonie zur reinen Philanthropie, zu einem bloßen Wohlfahrtsverband zu verkümmern. Dies widerspricht dem integralen Auftrag des Katechismus (vgl. KKK 851), der soziales Handeln untrennbar an die Person und die Botschaft Jesu Christi bindet.

"Rollladen-Phänomen"

Noch deutlicher wird die Diskrepanz bei der Martyria, der Verkündigung des Wortes. Aus Konfliktscheu werden Kernbereiche der katholischen Anthropologie, der Sexualethik (KKK 2331ff.) sowie der Eschatologie – also der Lehre von den letzten Dingen wie Gericht, Himmel und Hölle (KKK 1020–1050) – in der Alltagsverkündigung oft völlig ausgespart. Dahinter steht selten feige Absicht, sondern eine tief sitzende pädagogische Ratlosigkeit. Bischöfe und Seelsorger fürchten das sogenannte „Rollladen-Phänomen“: die Sorge, dass moderne Menschen bei harten, unbequemen Wahrheiten sofort mental abschalten.

Papst Franziskus in Estland beim medienwirksamen Bäumepflanzen 2018 CommonsWikimedia Außenministerium Estland webDer "grüne" Papst Franziskus in Estland beim medienwirksamen Bäumepflanzen 2018. Seine klaren Aussagen etwa zur Abtreibung kamen medial hingegen nicht so gut an. © CommonsWikimedia, Außenministerium Estland.

Doch das Problem liegt tiefer. Ein zentraler Faktor ist das Nachlassen der Glaubenspraxis an der Basis – in Österreich liegt der regelmäßige Gottesdienstbesuch im Schnitt inzwischen unter 5 % der bekennenden Katholiken. Ohne den gelebten Glaubensalltag in den Familien erodiert jedoch das Fundament nachhaltig. Dass es sich hierbei nicht um einen bloßen subjektiven Eindruck handelt, belegt die empirische Sechste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU 6) schwarz auf weiß: Während die Menschen die Kirche für ihre sozialen Taten schätzen, schwindet das Vertrauen in ihre sakramentale und verkündigende Kompetenz dramatisch.

Ohne die Ernsthaftigkeit des Gerichts verblasst die Sehnsucht nach Erlösung. Die Wahrheit darf nicht drohen, sie muss als befreiende Heilung angeboten werden.

Moderne Eigenbürokratie

Diese Zurückhaltung ist strukturell bedingt: Das Erbe des Josephinismus – ein Staatskirchentum des 18. Jahrhunderts, das Konfliktvermeidung in die kirchliche DNA einschrieb – verbindet sich heute mit einer gigantischen modernen Eigenbürokratie.

Diese Apparate-Bürokratie fungiert allzu oft als ein Werkzeug, das prophetischen Mut im Keim erstickt. Man versucht primär, das System stabil zu halten, administrative Privilegien zu sichern und das Wohlwollen der veröffentlichten Meinung nicht zu gefährden.

Der Selbsterhaltungstrieb des Apparats wird mächtiger als der Mut zum Bekenntnis. Priester und Gläubige an der Basis, welche die unverkürzte Lehre mutig und klar verkünden, dürfen in Konfliktfällen von der kirchlichen Obrigkeit nicht aus Angst vor medialen Reputationsschäden allein gelassen werden.

Bischof von Regensburg Gerhard Ludwig Müller 2010 CommonsWikimedia Presse Nordelbien webDer Bischof von Regensburg, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, scheute sich nicht vor harter Kritik an den Medien und wurde von diesen immer wieder attackiert. © CommonsWikimedia, Presse Nordelbien.

Diese Prioritätenverschiebung – die Orientierung an den Erwartungen der Chefredaktionen anstelle der Gottesfurcht – findet eine beunruhigende theologische Entsprechung in Paragraph 675 des KKK. Dort wird die letzte Prüfung der Kirche vor dem Kommen Christi beschrieben:

„Vor dem Kommen Christi muß die Kirche eine letzte Prüfung durchmachen, die den Glauben vieler Gläubigen erschüttern wird. [...] Dieses besteht darin, dass den Menschen eine Scheinlösung ihrer Probleme angeboten wird um den Preis des Abfalls von der Wahrheit.“

Die „Scheinlösung“ besteht in der Versuchung, sich durch die unkritische Übernahme zeitgeistiger, rein innerweltlicher Diskurse eine gesellschaftliche Rest-Akzeptanz zu erkaufen. Der Preis dafür ist jedoch der schleichende Abfall von der transzendenten, göttlichen Wahrheit. Gewiss ist bei konkreten Endzeit-Mutmaßungen große theologische Vorsicht geboten. Dennoch darf die Kirche diese existenzielle Dimension des Glaubens keinesfalls aus falscher Rücksichtnahme verschweigen. Die Aufforderung Jesu, allzeit bereit und wachsam zu sein, bleibt der einzig authentische Maßstab für kirchliches Handeln.

Der Ausweg aus der Krise liegt nicht im frustrierten Rückzug und nicht allein im Appell an die Hierarchie. Es gilt, jeden einzelnen Gläubigen wieder zur radikalen Nachfolge Christi einzuladen. Wegweisend sind hierbei die Worte, mit denen Papst Leo XIV. jüngst die Kernaufgabe der Kirche auf den Punkt brachte:

„Heute wie damals ist es eine Herausforderung, den Lehren Jesu treu zu bleiben und sein Wort zu verkünden [...]. Deshalb müssen wir die Wurzeln unseres Glaubens und unserer Sendung in einer innigen Beziehung zu ihm verankern. Das gibt uns die Kraft, nicht aufzugeben und weiterhin allen Menschen unter allen Umständen seine Botschaft der Hoffnung, der Liebe und des Friedens weiterzugeben.“

Notwendige Rückbesinnung

Diese notwendige Rückbesinnung verbindet sich direkt mit dem bleibenden Impuls von Papst Franziskus aus dessen programmatischem Schreiben Evangelii Gaudium (EG 8): Nur aus einer lebendigen, persönlichen Beziehung zu Christus erwächst jene Kraft, die den Glauben vor der reinen Anpassung an den Zeitgeist bewahrt.

Dass die unverkürzte Wahrheit kein Ladenhüter ist, zeigt der Blick auf die Weltkirche. In Ländern wie Frankreich, Holland oder England finden junge Erwachsene gerade wegen – und nicht trotz – einer klaren, mystischen und sakramentalen Wahrheit zum Glauben. Sobald das Licht des Glaubens aufbricht, verlangen Menschen nach radikaler Relevanz und existenzieller Tiefe, nicht nach soziologischer Verwässerung.

Auch im deutschsprachigen Raum existieren vitale Zentren, die diesen Weg erfolgreich vorleben: Das Gebetshaus Augsburg (Dr. Johannes Hartl) zieht mit seiner konsequenten Fokussierung auf die unverkürzte spirituelle Tiefe insbesondere junge Menschen an und erreicht digital weit über 140.000 Abonnenten. Das Haus St. Ulrich in Hochaltingen (P. Hans Buob SAC) verbindet eine klare, sakramentale Spiritualität mit lebendiger Gemeinschaft und erreicht Zehntausende im Netz. Oder die Loretto-Gemeinschaft, die jedes Jahr zu Pfingsten Tausende junge Menschen anzieht, die gemeinsam im Salzburger Dom und außerhalb ein eindrucksvolles Glaubenszeugnis geben.

Das reale, schwere Dilemma unserer Hirten im säkularen Umfeld muss gewürdigt werden – doch die Antwort darf nicht in noch mehr Anpassung liegen. Haben wir den Mut, wieder mehr auf die tiefe, existenzielle Sehnsucht der Suchenden zu vertrauen als auf die flüchtigen Schlagzeilen der Tagesmedien.♦

Zum Weiterlesen:

Evangelische Kirche in Deutschland (Hrsg.): Wie hältst du’s mit der Kirche? Sechste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU 6), Hannover 2023.

Zum Weiterhören die aktuelle Ausgabe von "Libratus on air" auf Radio Klassik. Klicken Sie einfach auf das nebenstehende Symbol.

Manfred Bruck

Gastautor bei Libratus

Prof. DI Dr. Manfred Bruck ist Physiker und Ingenieurkonsulent für Technische Physik (ruhende Befugnis). Er war langjährig in der internationalen Energieforschung (IEA und EU) tätig und arbeitete als Dozent an der TU und der WU Wien (mit Schwerpunkten in Technikethik und Nachhaltigkeit) sowie an der UWK. Er hat eine theologische Ausbildung und eine Missio canonica für den katholischen Religionsunterricht.