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Budapest Kossuth Platz Fidesz Kundgebung
Fidesz-Kundgebung am 15. März 2026 am Kossuth-Platz in Budapest. © CommonsWikimedia, Elekes Andor.

Droht nach der Ungarn-Wahl Gewalt?

Noch nie war die Stimmung im Land so aufgeheizt. Viele fürchten im Falle eines Orbán-Sieges massive, gewalttätige Proteste der Opposition. Eine Reportage mitten im Wahlkampf.

Boris Kálnoky | Politik | 20. März 2026

Am vergangenen Wochenende veranstalteten Ungarns Regierungspartei Fidesz sowie die Oppositionspartei Tisza ihre jeweiligen Kundgebungen zum Nationalfeiertag am 15. März. (An diesem Tag gedenkt man der bürgerlichen ungarischen Revolution 1848/49 gegen dem Absolutismus der Habsburger.) Es wirkte, als sei ganz Budapest auf den Beinen. In der Stadt, die weniger als zwei Millionen Einwohner zählt, zogen mehr als 300.000 Menschen durch die Straßen.

Welche Seite mehr Anhänger mobilisieren konnte, darüber streiten die Propagandisten und medialen Mitstreiter beider Lager bis heute. Die einzige konkrete Zahl stammt von der ungarischen Tourismusbehörde. Dort maß man, wie viele Mobiltelefone auf den beiden Kundgebungsstrecken aktiv waren. Auch nicht ganz präzise, aber immerhin. Das Ergebnis lautete: 180.000 Teilnehmer bei Fidesz, 150.000 bei Tisza. Die Opposition zog diese Angaben in Zweifel.

Natürlich waren nicht alle Teilnehmer aus Budapest: Beide Seiten hatten mit Reisebussen ihre Anhänger aus dem ganzen Land mobilisiert.

Massive Mobilisierung

Es waren zwei ganz unterschiedliche Gesellschaften, die da aneinander vorbeizogen. Bei Fidesz spürte man auch mental eine massive Mobilisierung, ein seelisches Aufbäumen, man spürte, wie die Teilnehmer es als Schicksalsstunde erlebten. Viele recht feierlich angezogen (Nationalfeiertag), es wurde gemeinsam und inbrünstig die Nationalhymne gesungen, sowie bekannte Schlager beliebter Sänger, die sie selbst sehr effektvoll vortrugen – Lieder, in denen es etwa um die Ungarn als „Wanderer der Freiheit” geht.

Von Budapester Angehörigen der Mittelklasse über Dorfbewohner bis hin zu nicht wenigen Roma war da ein Querschnitt der Gesellschaft vertreten. Die Menge war nicht nur größer, sondern auch jünger als der vergleichbare Friedensmarsch der Fidesz-Anhänger im Oktober. Auch da waren es bereits rund 100.000 gewesen. Was weitgehend fehlte, war die Budapester städtische Jugend.

Die nächste Generation von Fidesz

Orbáns Veranstaltung gewann Energie durch die Auftritte der Minister der jüngeren Generation, János Lázár und Péter Szijjártó – offen gesagt, ohne sie wäre Ministerpräsident und Parteichef Viktor Orbán allein vielleicht nicht genug gewesen, um die Anhänger zu neuem Schwung zu inspirieren. Wie er da am Ende stand, eingerahmt von den beiden deutlich größeren, dynamischeren, Kraft und Entschlossenheit ausstrahlenden Ministern, das wirkte wie ein Blick in die Zukunft: Ob Sieg oder Niederlage, Fidesz stellt nach der Wahl ganz bestimmt neu auf, der Generationswechsel kommt sicher. Noch eine Wahl im Jahr 2030, das war das allgemeine Gefühl, wird Orbán nicht stemmen können.

Freiheitsbrücke in Budapest das Polizeiaufgebot war groß CommonsWikimedia Engvagyobkabela webFreiheitsbrücke in Budapest: das Polizeiaufgebot war erheblich. © CommonsWikimedia Engvagyobkabela.

Die städtische Jugend, die bei Fidesz fehlte, die marschierte bei Tisza mit.  Generation Z, urbane Bildungsbürger, oft im Studentenlook. Da sie vier Stunden auf ihren Helden, Tisza-Chef Péter Magyar warten mussten, gingen viele bereits vor Ende seiner Rede weg. Das Begleitprogramm langweilte sie sichtlich.

Aktivistische Reporter der regierungsnahen und regierungsfeindlichen Medien waren unterwegs, um die Teilnehmer zu befragen – wohl auch in der Hoffnung, Antworten zu bekommen, die sich politisch ausschlachten ließen. Bei den Tisza-Anhängern war bemerkenswert, dass sie alle zwar wussten, was sie wollen – Orbán soll weg, Veränderung muss her – aber sie wussten nicht, was danach kommen soll. Sie wussten, wogegen sie sind, aber nicht, wofür. Es schien vielen auch egal zu sein: Hauptsache Orbán ist weg.

Den Orbán-Anhängern ging es oft um das Gemeinschaftsgefühl, das Gefühl, einer politischen Familie anzugehören. „Sieh Dich um, ist es nicht schön?”, antworteten viele auf die Fragen der regierungskritischen Reporter, warum sie denn gekommen seien. Und sie waren alle überzeugt, dass ein Sieg der Opposition einen Einzug der Ukraine in die EU zur Folge haben würde – und dass sie dafür mit ihren Steuergeldern von der EU zur Kasse gebeten würden, weil der Krieg teuer ist.

„Dann gibt es Bürgerkrieg“

Es gab auch einen beunruhigenden Unterton an jenem Tag. Die überall herumschwärmenden Reporter – und auch ich, der ich bei beiden Kundgebungen zugegen war – fragten die Teilnehmer, wie sie denn im Falle einer Niederlage ihrer Partei reagieren würden. „Das geht es bis zum Blut”, sagte eine Tisza-Anhängerin mittleren Alters. „Dann gibt es Bürgerkrieg”, sagte ein anderer. „Es ist doch klar, dass wir gewinnen. Wenn wir verlieren, hat Orbán die Wahl gestohlen.“

Tisza-Chef Péter Magyar selbst treibt seine Anhänger zu solchen Gedanken: Orbán, so behauptet er, wird Wahlbetrug begehen – „aber das wird sehr, sehr schwere Konsequenzen haben”. Auch die EU ist lautstark mit dabei, mit Behauptungen, „Russland” werde die Wahl manipulieren. Mit dieser Begründung wurde im Dezember 2024 die erste Runde der damaligen Präsidentschaftswahl in Rumänien kurzerhand für ungültig erklärt.

Peter Magyar in in Nationaltracht Budapest 15 03 2026 CommonsWikimedia Norbert Banhalmi webPéter Magyar symbolträchtig in Nationaltracht. © CommonsWikimedia, Norbert Banhalmi (bearbeitet).

Bei den Fidesz-Anhängern gab man sich fatalistisch: „Wenn wir verlieren, dann war’s das”, sagte einer. Dann sei die Fidesz-Geschichte zu Ende, niedergewalzt vom Druck der EU, der Ukraine und der ungarischen Liberalen. Man werde aber gewinnen. Dann jedoch, so fürchteten viele, werde Tisza versuchen, nach ukrainischem Vorbild einen blutigen „Maidan”-Aufstand zu organisieren.

Am Ende der Fidesz-Veranstaltung strömten Tausende Orbán-Anhänger zur Metro am Deák-Platz, vorbei am eben beginnenden Tisza-Umzug. Schulter an Schulter standen Polizisten Spalier, um potenzielle gewalttätige Übergriffe der beiden Gruppen zu verhindern. Es lief aber alles friedlich ab. Mit Ausnahme eines bekannten Musikers, der sich zur Orbán-Regierung bekennt. „Verräter!” wurde er von einigen Tisza-Sympathisanten angeschrien.

Es wird ungemütlich in Ungarn.♦

Boris Kálnoky

Autor bei Libratus