Europäische Russophobie und Ablehnung des Friedens
Europa hat wiederholt einen Frieden mit Russland abgelehnt, obwohl eine Verhandlungslösung möglich gewesen wäre, und diese Ablehnungen haben sich als zutiefst kontraproduktiv erwiesen. Vom 19. Jahrhundert bis heute wurden Russlands Sicherheitsinteressen nicht als legitime Interessen im Rahmen einer umfassenderen europäischen Ordnung betrachtet, sondern als moralische Verfehlungen, denen man widerstehen, die man eindämmen oder ignorieren musste.
Dieses Muster hat sich in radikal unterschiedlichen russischen Regimen – zaristisch, sowjetischer und postsowjetischer – fortgesetzt, was darauf hindeutet, dass das Problem nicht primär in der russischen Ideologie liegt, sondern in Europas anhaltender Weigerung, Russland als legitimen und gleichberechtigten Akteur im Sicherheitsbereich anzuerkennen.
Ich behaupte nicht, dass Russland gänzlich harmlos oder vertrauenswürdig gewesen sei. Vielmehr argumentiere ich, dass Europa bei der Interpretation von Sicherheit konsequent mit zweierlei Maß gemessen hat. Europa betrachtet seinen eigenen Einsatz von Gewalt, seine Bündnisbildung und seinen imperialen oder postimperialen Einfluss als normal und legitim, während es vergleichbares russisches Verhalten – insbesondere in der Nähe der eigenen Grenzen – als grundsätzlich destabilisierend und unzulässig einstuft. Diese Asymmetrie hat den diplomatischen Spielraum eingeschränkt, Kompromisse delegitimiert und die Wahrscheinlichkeit eines Krieges erhöht. Ebenso bleibt dieser Teufelskreis das prägende Merkmal der europäisch-russischen Beziehungen im 21. Jahrhundert.
Ein wiederkehrendes Versagen in dieser Geschichte war Europas Unfähigkeit – oder Weigerung –, zwischen russischer Aggression und sicherheitspolitischem Verhalten zu unterscheiden. In vielen Epochen wurden Aktionen, die in Europa als Beweis für einen inhärenten russischen Expansionismus interpretiert wurden, aus Moskauer Sicht als Versuche verstanden, die Verwundbarkeit in einem zunehmend feindseligen Umfeld zu verringern. Gleichzeitig interpretierte Europa seine eigenen Bündnisbildungen, Militäreinsätze und institutionellen Erweiterungen stets als harmlos und defensiv, selbst wenn diese Maßnahmen die strategische Tiefe Russlands direkt reduzierten. Diese Asymmetrie ist der Kern des Sicherheitsdilemmas, das wiederholt zu Konflikten eskaliert ist: Die Verteidigung der einen Seite wird als legitim angesehen, während die Angst der anderen Seite als Paranoia oder böswillige Absicht abgetan wird.
Strukturelles Vorurteil
Die westliche Russophobie sollte nicht primär als emotionale Feindseligkeit gegenüber Russen oder der russischen Kultur verstanden werden. Vielmehr wirkt sie als strukturelles Vorurteil, das tief im europäischen Sicherheitsdenken verankert ist: die Annahme, Russland sei eine Ausnahme von den üblichen diplomatischen Regeln. Während anderen Großmächten legitime Sicherheitsinteressen zugeschrieben werden, die abgewogen und berücksichtigt werden müssen, gelten Russlands Interessen als illegitim, solange das Gegenteil nicht bewiesen ist. Diese Annahme überdauert Regime-, Ideologie- und Führungswechsel. Sie stilisiert politische Meinungsverschiedenheiten zu moralischen Absoluta und macht Kompromisse verdächtig. Folglich fungiert Russophobie weniger als Gefühl denn als systemische Verzerrung – eine Verzerrung, die Europas eigene Sicherheit immer wieder untergräbt.
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