„Hier wird Gott uns schneller hören”
Fünf Nonnen des Stella Matutina-Ordens aus unterschiedlichen Ländern gründeten ein neues Kloster in der Ukraine. Ihr Auftrag: Sie beten für baldigen Frieden, für die Menschen dort und spenden Trost. Ein Ortsbesuch.
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Eine Französin. Eine Österreicherin. Eine ist aus Polen, eine aus Lettland, eine aus Litauen. Fünf Ordensschwestern leben in einem winzigen Kloster in Koritnyani, ein Dorf in der Nähe der karpatho-ukrainischen Stadt Uschgorod. An diesem Montagmorgen sind sie in ihrer kleinen Kapelle versammelt, es ist 9 Uhr 30, die tägliche Morgenliturgie beginnt.
Ein relativ junger Priester in goldener Robe stimmt einen klangvollen Singsang an, auf einem Holzgestell ruht eine Ikone, beleuchtet von zwei kleinen Kerzen. Vor dem Altar zwei weitere Ikonen, vor ihnen Vasen mit frischen Blumen. Es ist ein griechisch-katholisches Kloster, und entsprechend ist die Liturgie. Auch die kleine Kirche selbst ist im östlichen Stil gestaltet, ein Holztor trennt den Raum zwischen Altar und Gläubigen. Jetzt ist es offen – das Tor zu Gott. Nach der Messe, die hier nach griechisch-katholischem Brauch Liturgie genannt wird, wird es wieder geschlossen.
Morgenliturgie im Kloster. © Bence Bianka.
Die Nonnen stehen, zuweilen knien sie im kleinen Raum, in ihren grauen Gewändern und weißen Kopfbedeckungen, tief versunken im Gebet. Da ist eine natürliche Innigkeit zu spüren, aber inniger noch beten einige Frauen in mittlerem Alter wenige Schritte weiter hinten. Die Gemeinde. Hin und wieder kommt das eine oder andere ihrer Kinder herein vom Hof, die Mutter nimmt es auf den Arm.
Sie alle hier haben Verwandte oder Bekannte an der Front.
Der Priester hebt zur Predigt an. Es geht um König Salomon, den Weisen. Keine Politik, aber Weisheit ist wahrlich vonnöten in der verzweifelten Lage, in der sich das Land befindet.
Nachher plaudert man bei einer Tasse Tee oder Kaffee.
Das kleine Kloster wurde 2008 gegründet, erzählt der Priester, Ihnatyshyn Wladyslaw. Damals vom Karmelitinnen-Orden, aber die Nonnen „gingen später zurück in die USA”. Das Haus stand lange leer. Ein bescheidener Bau, der alles Nötige beherbergt, Wohnräume und die kleine Kapelle. Damit es nicht verfiel, zog der Priester ein. Dann bat der Bischof den recht neuen Stella Matutina-Orden (gegründet 2014), das Kloster wieder mit Leben zu füllen. Uns so kamen sie, die Schwestern, die heute dort beten und leben. Der Priester zog wieder aus, zurück in seine eigene Wohnung in Uschgorod.
Der Priester Ihnatyshyn Wladylsaw steht den Nonnen zur Seite. © Bence Bianka.
Was bewegt eine junge Frau, Nonne zu werden, und dann an einen solchen Ort zu ziehen?
„Ein Bedürfnis nach Wahrheit”, sagt Schwester Véronique. Sie studierte Literatur und Philosophie. Eines Tages ging sie in eine Kirche und richtete stille Worte an Gott: „Ich weiß, dass es Dich nicht gibt, aber falls doch, sprich zu mir”. Natürlich kam keine wortgewaltige Antwort, aber etwas passierte doch: „Alles in mir fand seinen Platz, da war plötzlich ein Gefühl von Ordnung”. Sie war als Suchende gekommen, aber nun spürte sie, dass sie die Gesuchte war: „Gott sucht uns”. Sie meinte, eine übergeordnete Intelligenz zu verspüren, etwas, das mehr war als nur sie.
Als Studentin hatte sie auch in Russland und Rumänien Zeit verbracht, „ich fühlte mich immer schon hingezogen nach Osteuropa”. Kurz nach Kriegsausbruch in der Ukraine verbrachte sie hier eine kurze Zeit. Sie erinnert sich an ihre ersten Eindrücke. Luftalarm. „Ich hatte furchtbar Angst.” Aber später dachte sie oft daran: „Ich wollte zurück”. So war es vielleicht göttliche Vorsehung, als der Ruf ihres Ordens kam – ob sie nicht in die Ukraine gehen wolle.
Das bescheide, neu renovierte Kloster der Stella-Matutina-Schwestern. © Bence Bianka.
Auch Schwester Theodora, sie stammt aus Lettland, erinnert sich an schwierige Momente: „Draußen auf der Straße spielen Kinder, plötzlich Luftalarm, alle rennen zum Schutzraum, ein kleiner Junge ruft seinem Bruder nach: „Warte, ich kann nicht so schnell!”
Nun sind sie hier, die Schwestern, leben und beten mit den anderen, und mit den Nachbarn, die die Schwestern wie Familienmitglieder betrachten. Ljubow Syniak ist vielleicht Ende fünfzig, eine Frau, der das Herz auf der Zunge liegt. Ihr Vorname bedeutet „Liebe”, der Nachname „Blau”. In Lwiw geboren, später verschlug es sie hierhin, hier heiratete sie, hier arbeitete sie, zunächst in einer Möbelfabrik. Vorhin betete sie innig in der Kirche für ihren Sohn Mikola, der draußen an der Front jeden Tag dem Tod ins Auge sieht. Er räumt Minen. Einen gefährlicheren Job gibt es kaum.
„Ich weiß, dass er überleben wird”, sagt Ljubow, „denn Gott passt auf ihn auf. Weil die Schwestern für ihn beten”.
Die Frauen beten für ihre Angehörigen - Männer und Söhne - an der Front. © Bence Bianka.
Eines Tages, so erzählt sie, funktionierte Mikolas Minensuchgerät nicht. Das merkte er aber erst, als er vor sich eine Mine erblickte, und dann auch links und rechts und hinter ihm – er steckte mitten in einem Minenfeld und war wie durch ein Wunder auf keine getreten. „Er ging dann auf seinen eigenen Fußabdrücken zurück”, erzählt Ljubow.
Ein anderes Mal machte sein Trupp ein Lagerfeuer, ohne zu ahnen, dass darunter eine Mine verborgen war – bis das Feuer explodierte und Mikola fortschleuderte. Er wurde aber nicht verletzt. Seither ist sich seine Mutter sicher, dass ihr Sohn unter Gottes Schutz steht. Dafür ist sie den Schwestern dankbar. Jeden Tag kommt sie zur Liturgie: „Hier hört Gott uns schneller”.
Kraftvoller Glaube
Die Schwestern sind den Nachbarn auch dankbar: „Ihr Glaube ist kraftvoller als unserer”, sagt Véronique. Eines Tages, als es ihr seelisch weniger gut ging, war es Ljubow, die ihr die Kraft zurückgab. „Sie kam mit uns singen, das war so schön”. Und das, obwohl ihr Sohn, der gute Mikola, sich just an jenem Tag von ihr verabschiedet hatte – er musste nach einem kurzen Heimaturlaub zurück an die Front.
Die Schwestern reichen Tee und Gebäck. Da ist Schwester Alexandra aus Österreich, die „nur eines wollte im Leben, nämlich nicht in ein Kloster eintreten”. Aber dann spürte sie den Ruf Gottes am kroatischen Wallfahrtsort Medjugorje. Da ist Schwester Anna Christina, aus Polen, mit einem Blick, so stark, dass er einem durch die Seele dringt. Und Schwester Theodora aus Lettland.
Das Gebet ist die zentrale Aufgabe der fünf Nonnen. © Bence Bianka.
Während für sie die große Stadt in der Nähe Uschgorod heißt, ist es für manche der Nachbarinnen eher Ungvár, der ungarische Name der Stadt. In der Karpatho-Ukraine gibt es eine historische ungarische Minderheit, und auch hier in Koritnyani sind einige der Gläubigen ungarischer Abstammung. Magdalena Fekete ist hier geboren, ging in Ungvár zur Schule und arbeitete danach zuerst in einer Möbelfabrik, dann, nach dem Ende des Kommunismus, bei den Wasserwerken. Sie hat eine 47-jährige Tochter und zwei Enkelsöhne: Pál (Palika, sie nennt ihn liebevoll beim Kosenamen) und Demeter. Mária Lipcsei brachte die Liebe hierher, hier heiratete sie.
Sie sind „dankbar, dass die Schwestern hier sind, ohne sie würde etwas fehlen. Wir können ihnen alles sagen, wie richtige Schwestern”, meinen sie.
Die Schwestern nicken: Umgekehrt ist es auch so. „Ich liebe sie”, sagt Véronique über die Nachbarinnen.
Die Schwestern haben ein inniges Verhältnis zu den Menschen im Ort. © Bence Bianka.
Manchmal hilft es, Leid zu teilen. Schwester Alexandra erzählt von einem Fall, als die Militärpolizei in Uschgorod nach wehrpflichtigen Männern suchte. Ein junger Mann, „geistig behindert, den nahmen sie einfach sofort mit, obwohl er gar nicht tauglich war für den Kriegsdienst. Sie nahmen sein Mobiltelefon ab, man konnte ihn nicht erreichen.” Sie war nicht selbst dabei, die Familie erzählte es ihr. Die Nachbarn und der örtliche Priester setzten alles in Bewegung, um den jungen Mann zu finden, und die Behörden davon zu überzeugen, dass ein Fehler passiert war. Den ganzen Tag lang, erfolglos. Abends „beteten wir gemeinsam”.
Behindert und gefallen
Dem Priester gelang es später, einen Kontakt herzustellen, aber danach gab es keine Nachrichten mehr. Nach einer Weile hieß es, er sei „vermisst”. Die Schwester des jungen Mannes kleidete sich fortan in schwarzer Trauer, sie ahnte Schlimmes. „Vor einer Woche haben wir erfahren, dass er gefallen ist”, sagt eine der Nonnen.
Es half also alles nichts. Aber auch die Hilflosigkeit ist gemeinsam leichter zu ertragen. "Hier im Dorf hat jeder jemanden an der Front”, sagt einer der Nonnen. „Sie können sich vorstellen, was sie fühlen”.
Wollen die Mütter hier Frieden, einfach Frieden? Oder erst dann, wenn die Ukraine diesen Krieg gewonnen hat? „Nur mit einem Sieg”, sagt Ljubow im Brustton der Überzeugung. Die anderen murmeln, „mit Sieg” - es klingt weniger begeistert.♦