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Kreuz in Barockkirche
© Bild:123RF Bildagentur; Vesilvio.

Ist Österreich noch katholisch?

Weniger als die Hälfte der Österreicher sind Mitglieder der katholischen Kirche. Ein Dammbruch. Ab nun ist man eine Minderheit. Zentral dabei ist der Kirchenbeitrag, ein Gesetz aus der NS-Zeit. Wer nicht zahlt, wird von den Sakramenten ausgeschlossen. Zerstört sich die Kirche damit selbst?

Gudula Walterskirchen | Gesellschaft | 26. September 2025

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Libratus on air - Interview RadioKlassik

49,6 Prozent – so hoch oder besser gesagt niedrig ist 2025 der Anteil der Katholiken in Österreich. Erstmals seit der Gegenreformation ist damit weniger als die Hälfte der Bürger des einstigen katholischen Kernlands Mitglieder der katholischen Kirche. 1959 lag der Anteil der Katholiken noch bei 89 Prozent, 2001 lag er bei 71 und sank bis 2018 auf 57 Prozent. Die Zahl der Gottesdienstbesucher ging in den letzten 30 Jahren ebenfalls deutlich zurück. Von 20 Prozent (1991) auf 8 Prozent (2024).

Die Reaktion der österreichischen Bischofskonferenz ist, offiziell zumindest, gelassen. Die Lage sei „weitgehend stabil“ verlautete man. So lautete das Wording auch in den Jahren zuvor. Doch die Folgen dieses unaufhörlichen Schrumpfungsprozesses sind unübersehbar. Es werden Strukturreformen durchgeführt, Pfarren zusammengelegt, Immobilien verkauft oder vermietet, Personal abgebaut und an allen Ecken und Enden gespart. Doch das ist nicht so einfach, denn man hat über die Jahrzehnte viele Strukturen aufgebaut, allein im Bereich der Altenpflege und sozialen Fürsorge. Gebäude müssen erhalten, Gehälter und Betriebskosten bezahlt, Kindergärten und Schulen betrieben werden.

 

Denn obwohl immer mehr Menschen dem Verein Kirche den Rücken kehren, ist die Nachfrage nach dessen weltlichen Dienstleistungen ungebrochen. Ein Paradoxon. Und der Staat hat immer mehr seiner Aufgaben an die Kirchen ausgelagert und sie gleichzeitig vom Tropf des Staates abhängig gemacht. Denn wenn keine staatlichen Zuschüsse mehr kommen, muss man Tausende Mitarbeiter entlassen und Einrichtungen zusperren.

Was ist ein Katholik?

Doch jede Statistik muss hinterfragt werden, so auch diese. Was bedeutet es überhaupt, Katholik zu sein? Gemeinhin gilt die Ansicht, dass es entscheidend dafür ist, ob man Kirchenbeitrag zahlt oder bei der Behörde eine Austrittserklärung abgibt, um keinen Beitrag mehr entrichten zu müssen. Denn darum dreht es sich meist, dies ist das am häufigsten genannte Motiv. Und es ist tatsächlich nicht die beste Werbung, wenn ein junger Mensch, kaum volljährig, eine Vorschreibung von der Kirchenbeitragsstelle bekommt, dass er nun zahlen muss. Wenn der Kontakt nicht ein intensiver ist und dementsprechend das Glaubensleben, dann ist dies oft der Auslöser für den Austritt. Der Austritt ist einfach, der Wiedereintritt vergleichsweise schwierig und aufwändig – und somit die Ausnahme. Was oft aus einem Impuls heraus oder wegen eines einzelnen Anlasses heraus erfolgt, wird selten rückgängig gemacht. Somit dreht sich die Spirale der aktiven Mitglieder immer weiter nach unten.

Benisanó Church webDer Messbesuch, wie er sich heute in Österreich meist darstellt: spärlich und überaltert. © CommonsWikimedia; Simon Burchell.

Rein theologisch betrachtet, ist jedoch nicht der Kirchenbeitrag entscheidend, also ob man für die Institution zahlt. Es ist etwas anderes, das entscheidend ist, ob man Christ ist oder nicht, nämlich die Taufe, und diese ist ein Sakrament, das nicht widerrufen werden kann. Und somit bleibt man lebenslänglich Teil der christlichen Gemeinschaft. Mit Geld hat das nichts zu tun.

Im katholischen Kirchenrecht gibt es auch keinen Kirchenaustritt, sondern nur den „Glaubensabfall“. Doch nicht alle, die nicht zahlen wollen, sind vom Glauben abgefallen. Dennoch hat der Austritt weitreichende Konsequenzen, die vielen nicht bewusst sind: Man ist von den Sakramenten ausgeschlossen, darf daher keine Kommunion mehr empfangen, keine Beichte, keine Krankensalbung und natürlich nicht kirchlich heiraten. Ein Patenamt kann man auch nicht übernehmen. Somit wird der Austritt mit einem Glaubensabfall gleichgesetzt und ist nicht bloß ein Verwaltungsakt.

Erbe der Nationalsozialisten

Der Kirchenbeitrag ist ein Unikum, das nur wenige Länder kennen. In Deutschland gibt es ihn seit der Weimarer Republik 1919. In Österreich wurde er von den Nationalsozialisten eingeführt. Der Staat zahlte nicht mehr, das sollten die Gläubigen selbst tun, und es sollte auch die Leute vergrämen. Das Ziel sei, so meinte damals Gauinspektor Hans Berner, der das Gesetz unterschrieben hatte, ein „vernichtender Schlag gegen die Kirchenorganisation“. Die Pfarrer sollten zu Geldeintreibern umfunktioniert werden. Betroffen waren alle christlichen Kirchen, nicht nur die katholische.

Bundesarchiv Wien Arthur Seyß Inquart Adolf Hitler webDie Urheber des Kirchenbeitrags: Arthur Seyß-Inquart (li. im Anzug) und Adolf Hitler. © Bundesarchiv Wien.

Seltsamerweise hat man die Gesetze aus der Nazi-Zeit längst eliminiert, dieses ist jedoch geblieben. Es wurde nach Kriegsende von der sozialistischen Regierung Renner und dann von den Regierungen der Zweiten Republik übernommen und von der Kirche weiter praktiziert. In anderen von den Nationalsozialisten okkupierten Staaten, wie Polen oder dem Sudetenland wurde es später wieder beseitigt.

Den Sozialdemokraten kam der umstrittene Kirchenbeitrag gelegen, denn sie hatten mit der katholischen Kirche noch etliche Rechnungen offen. Dies war eine Folge des erbitterten Kulturkampfs und des politischen Katholizismus der Zwischenkriegszeit. So etwa rief man die Arbeiter dazu auf, aus der Kirche auszutreten, als Opposition gegen Bundeskanzler Ignaz Seipl – ein Prälat und Priester. Somit wurden die erbitterten Auseinandersetzungen der Tagespolitik zur Glaubensfrage. Den Priestern wurde fortan ein politisches Amt untersagt, doch das änderte an der Allianz mit den Christlichsozialen in der Praxis nicht viel. In der Zeit des Ständestaats unter Engelbert Dollfuß verknüpfte dieser Politik und Religion. Nach der Parlamentskrise und seiner autoritären Regierung nutzte er diese für eine neue Verfassung. Im Kern strebte er eine Art Gottesstaat an – das musste schief gehen.

Kirchenbeitrag oder Skandale?

Es wird viel diskutiert, ob nicht die Skandale in der Kirche viel mehr zu den Austritten beigetragen hätten als der Kirchenbeitrag. Innerhalb der Kirche wurde immer wieder gefordert, den Beitrag abzuschaffen. Die Bischöfe selbst gehen davon aus, dass etwa zwei Drittel der Austritte darauf zurückzuführen sind.

Nimmt man etwa das Jahr 2018 und vergleicht Österreich mit Südtirol, wo es keinen Kirchenbeitrag gibt, ist das Ergebnis eindeutig. In diesem Jahr gab es in Österreich 58.378 Austritte, in Südtirol 14. Der Unterschied ist dramatisch, selbst wenn man die unterschiedliche Bevölkerungszahl berücksichtigt.

In Italien wird, wie in vielen anderen Ländern Europas, vom Staat eine Kultursteuer von allen Steuerzahlern eingehoben, die dann zweckgewidmet werden kann. Somit ist tatsächlich die Taufe das einzige Kriterium, ob man zur Kirche Christi gehört oder nicht. Geld ist somit kein Thema. Dies könnte ein Hinweis sein, dass sich das österreichische Modell einer kirchensteuerfinanzierten Apparate-Kirche, die sich immer mehr um ihre Finanzierung und ihre Strukturen kümmert, ausgedient hat. Und dass Spiritualität sehr wohl gefragt ist – nur wird sie woanders, wie etwa in der buddhistischen Meditation oder Esoterik gesucht.

Christliche Werte erodieren

Doch das Christentum ist in Österreich nicht nur durch Austritte und immer weniger Messbesucher unter Druck. Es verliert immer mehr an Relevanz auch für die Gesellschaft, und das liegt nicht nur an der Zahl der Mitglieder. So etwa werden christliche Werte, wie etwa Ehe und Familie oder die Unantastbarkeit des Lebens von der Geburt bis zum Tod, immer mehr infrage gestellt. Die Ehe zwischen Mann und Frau ist zu einer Ehe für alle geworden, Abtreibung und Sterbehilfe werden immer mehr zu einem Recht und einem Akt der Selbstbestimmung umgedeutet.

Es ist aber nicht nur eine Gleichgültigkeit gegenüber christlichen Werten feststellbar, oder dass dies eben immer mehr zu einem Minderheitenprogramm wird. Darüber hinaus ist auch in Europa eine neue Christenverfolgung zu registrieren. Besonders ins Auge fällt dies in Frankreich: Brennende Kirchen, ermordete Priester, geschändete Gotteshäuser. Letzteres nimmt auch in Österreich laut der "Initiative Christenschutz", und hier besonders in Wien, dramatisch zu. Die meisten Kirchen halten deshalb außerhalb der Messzeiten die Tore fest verschlossen. Und immer mehr Priester gehen nur noch in Zivil, um nicht angepöbelt zu werden oder noch schlimmeres.

Papstmesse Tor Vergata Vatican Media webEine Million Jugendliche besuchten die Papstmesse in Tor Vergata bei Rom. © Vatican Media.

Gleichzeitig gibt es immer mehr und lebendige, sich stark entwickelnde spirituelle Zentren und Bewegungen mit starker Außenwirkung. Am sichtbarsten ist dies etwa beim Pfingsttreffen in Salzburg, Familientreffen in Kremsmünster, dem Trend zu Wallfahrten oder beim Weltjugendtag, zuletzt im Sommer in Rom. Und die Zahl der Gottesdienstbesucher und Taufen steigt erstmals wieder seit 2021, wenn auch nur leicht. Besonders auffallend ist die steigende Zahl der Erwachsenentaufen, von Ungetauften oder von Konvertiten aus dem Islam, die aus anderen Ländern nach Österreich kamen. Diese müssen meist im Geheimen stattfinden, den Glaubensabfall wird im Islam im schlimmsten Fall mit dem Tod sanktioniert.

Dennoch befindet sich die Institution der katholischen Kirche in der Krise. Sollte das Ziel des NS-Gauinspektors Berner, der Kirche einen vernichtenden Schlag zu versetzen, sich 80 Jahre nach Ende der NS-Diktatur erfüllen? Der äußere Druck bringt vielleicht zustande, was schon 1945 hätte vollzogen werden sollen: Den Ungeist eines Nazi-Gesetzes, das Geldzahlungen mit dem Recht auf Sakramenten-Empfang verbindet, zu entsorgen.♦

Gudula Walterskirchen

Herausgeberin Libratus

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