Können wir uns den digitalen Energiehunger leisten?
Die Internationale Energieagentur rechnet damit, dass sich der weltweite Strombedarf von Rechenzentren bis 2030 verdoppeln wird. Und das ist laut Fachleuten noch eine konservative Schätzung. Unterdessen wird gerade jetzt wieder gefordert, die Bevölkerung müsse den individuellen Energieverbrauch drosseln. Wie passt all das zusammen?
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Sei es im Zeichen des Klimaschutzes oder ganz aktuell als Reaktion auf drohende Rohstoffengpässe im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten – die Forderung, die Bevölkerung müsse verstärkt auf ihren Engergieverbrauch achten, findet sich gerade wieder überall. In Medienberichten. In politischen Reden. In Energiemarktanalysen. Im selben Moment hält man jedoch an einer zweiten gesellschaftspolitischen Losung fest: Alles digital.
„Die Tatsache, dass wir im Alltag Energie sparen sollen und dann gleichzeitig über die Digitalisierung einfach unseren Energieverbrauch horrend nach oben schrauben – das passt eigentlich überhaupt nicht zusammen“, moniert Ulrike Felt. Die studierte Physikerin hat jahrelang das Institut für Wissenschafts- und Technikforschung der Universität Wien geleitet, an dem sie bis heute arbeitet. Felt treibt seit geraumer Zeit ein Thema um: die Folgen der Digitalisierung. Diese sind gravierend. Denn sie reichen in jeden Lebensbereich hinein und können dabei sowohl Innovation als auch Rückschritt in sich bergen.
Ersteres wird vielfach betont, zweiteres gerne im Schatten gelassen, attestiert Felt und meint: Das sei vor einigen Jahren anders gewesen. Damals hätte man den Klimaschutz und die Regulierung der sogenannten „Künstlichen Intelligenz“ noch auf dem Radar gehabt. „In Europa haben wir schon ganz viel, was im Green Deal angeklungen ist, wieder weggeschoben.
Wir waren in Europa auch sehr stolz auf den AI-Act – also auf die Regulierung der Künstlichen Intelligenz. Da rudern wir gerade ebenfalls im Eiltempo zurück.“ Die Gründe liegen für sie auf der Hand. „Man fürchtet, dass ansonsten nicht die großen Firmen nach Europa kommen. Deswegen sagt man jetzt, wir müssen den Datenzugang vereinfachen. Und das ist schon etwas, das mich bedenklich stimmt. Weil ich mich frage: Sind wir dann nur mehr ferngesteuert und wofür steht Europa dann eigentlich noch?“
Neue Prioritäten
Die wirtschaftlichen Überlegungen sind jedoch auch nicht von der Hand zu weisen. Will man im digitalen Markt mitmischen und sich von den Big Playern USA und China unabhängiger machen, benötigt es entsprechende Infrastruktur auf dem eigenen Kontinent, argumentiert Hans-Peter Schmid von der Unternehmensberatung „Arthur D Little“. Schmid hat zuvor in der Energiewirtschaft gearbeitet und beobachtet die Entwicklungen auf dem Energiesektor seit mehr als 25 Jahren – global, europäisch und national. Und er erklärt: Wer ein höheres Maß an digitaler Souveränität anstrebt, brauche mehr Rechenzentren. Digital entblößt stehe Europa allerdings auch jetzt nicht da. Dabei seien die Rechenzentren an spezifischen Orten konzentriert. „Nämlich rund um Frankfurt, London, Amsterdam, Dublin und Paris.“
Das Google-Hauptquartier in Irland. Allein die Suchmaschine und die Künstliche Intelligenz verbrauchen enorm viel Energie. © CommonsWikimedia, OutreachPete.
Nachtrag des Energiemarktanalysten: „Aber auch dort gelangt man sukzessive an seine Kapazitätsgrenzen. Das heißt, in Europa wird es von der Rechenzentrumsstruktur durchaus zu einem Shift kommen. Und in meiner positiven Weltsicht sehe ich das schon auch als Chance den Wirtschaftsstandort zu stärken, indem man Rechenzentrumskapazitäten anzieht – das gilt insbesondere auch für Österreich.“
Laut „Data-Center Map“ gibt es hierzulande bereits rund 50 Rechenzentren, die in ihrer Größe aber variieren und auch nicht mit den digitalen Platzhirschen Europas mithalten können. Nichtsdestoweniger: Die Digitalisierung wird politisch sowie wirtschaftlich stark vorangetrieben – und das global. Der Unternehmensberater betrachtet das als wirtschaftlichen Gewinn – nimmt man einen anderen Gesichtspunkt ein, stellt sich die Frage: Zu welchem Preis wird das passieren?
Irland: 20 Prozent für Rechenzentren
Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt schlägt vor, den Blick auf einen jener Rechenzentren-Hot-Spots zu werfen, der zuvor genannt wurde: Dublin. „Irland hat ja sehr früh begonnen auf Datenzentren als wirtschaftstreibenden Faktor zu setzen. Und da kann man schon sehr schön sehen, dass in Dublin die Dichte der Datenzentren mittlerweile so hoch ist, dass das Elektrizitätsnetzwerk es nicht mehr aushält. Das heißt, sie müssen die Datenzentren auswärts bauen, weil die Stromversorgung Dublins sonst einfach zu instabil würde. In Irland werden ungefähr 20 Prozent des Stroms nur für Datenzentren verwendet.“
Und dieses Kontingent soll in den kommenden Jahren weiter anwachsen. Eine Prognose des irischen Übertragungsnetzbetreibers „EirGrid“ besagt: Der Anteil der Rechenzentren am gesamten Stromverbrauch könnte bis 2031 auf 28 Prozent steigen.
Große Datacenter existieren also schon jetzt so einige in Europa – allerdings befinden sich diese mehrheitlich in den Händen amerikanischer Konzerne, ergänzt Mark Stefan. Er ist technischer Informatiker und seit mehr als zehn Jahren beim Austrian Institute of Technology beschäftigt. Rechenzentren seien allerdings ein globalpolitisches Machtinstrument. Demnach hält man die diesbezüglichen Hauptquartiere doch lieber nah bei sich. Und so stehen die ganz großen Rechenzentren – im Fachjargon: Hyperscale-Datacenter – in den USA und China, erklärt Stefan.
Strom wie 5 Millionen Haushalte
Datacenter ist nicht gleich Datacenter. Hinsichtlich Serverleistung reiche die Spannweite bei konventionellen Rechenzentren momentan von 10 bis 100 Megawatt. Der Energieverbrauch der großen Rechenzentren entspreche in etwa dem Jahresbedarf von 100.000 Einzelhaushalten, schildert der Informatiker. Doch damit nicht genug. „Das größte derzeit in Bau befindliche Datacenter wird vermutlich einen Energieverbrauch haben von circa zwei Millionen Haushalten. Und das größte in Planung befindliche Datacenter von fünf Millionen Haushalten.“
Global betrachtet wird sich der Strombedarf von Rechenzentren bis 2030 mehr als verdoppeln, heißt es in einem Bericht der Internationalen Energieagentur IEA. Fachleute wie der Informatiker Mark Stefan halten das noch für eine konservative Schätzung.
KI braucht Atomkraft
Dieser Energiehunger kann zu Schwankungen im Stromnetz führen. Deswegen versuchen die Betreiber großer Rechenzentren ihre Infrastruktur auch möglichst nah an Kraftwerke zu bauen. Im US-Bundesstaat Iowa soll Anfang 2029 ein Atomkraftwerk reaktiviert werden, um den Energiebedarf eines neuen KI-Datacenters von Google zu decken.
Diese Nuklear-Renaissance im Zeichen der Digitalisierung finde keineswegs nur in den USA statt, unterstreicht Ulrike Felt. Sie berichtet von einer Konferenz der Internationalen Atomenergie Organisation im Dezember 2025 in Wien. Das Thema sei Künstliche Intelligenz und Kernenergie gewesen. „Und das Credo durch alle Vorträge und Diskussionen war: Die Künstliche Intelligenz braucht Kernenergie – ansonsten kann die Stabilität der Elektrizität nicht sichergestellt werden. Und ich habe mir gedacht: Das findet mitten in einem Land statt, das glaubt, dass es weiterhin die Kernenergie außen vor lassen kann. Und gleichzeitig importieren wir natürlich Strom.“ Und zwar auch solchen, der in Atomkraftwerken erzeugt wurde.
Folgekosten der Kernkraft
Vor lauter Digitalisierungs-Euphorie werden die Folgekosten der Atomkraft erneut ausgeblendet, respektive nur auf einen kleinen Teil beschränkt, kritisiert Felt und verweist auf die EU-Taxonomie-Verordnung, in der Atomkraft als nachhaltige Energieform eingestuft wird. Die Physikerin hinterfragt diesen Ansatz. „Wir müssen uns natürlich schon überlegen: Wenn wir auf Kernkraft setzen, bedeutet das auch, dass wir uns für Jahrtausende um den Abfall kümmern müssen. Das ist im Grunde eine sehr komplexe und aufwendige Energieproduktionstechnologie, die zwar bis zu einem gewissen Grad CO2-effektiv ist, aber eben nur, wenn Sie sich ausschließlich die Produktion ansehen. In dem Augenblick, wo Sie rückrechnen, woher das Uranium kommt, wie es aufbereitet ist, welche Schritte es durchlaufen muss bis es im Kernkraftwerk landet und was eben danach mit den Materialien passiert – wenn Sie all das mitberechnen würden, dann würde die CO2-Rechnung, die zum Beispiel für die EU-Taxonomie-Verordnung angewendet worden ist, nicht mehr funktionieren.“
Das Datacenter Equinix AM3 AM4 in Amsterdam. © CommonsWikimedia, Choinowski.
Hinzu kommt: Die sommerlichen Hitzeperioden führen schon jetzt immer wieder dazu, dass beispielsweise in Frankreich der Betrieb von Atomreaktoren heruntergefahren werden muss, weil die Kühlung aufgrund des Wassermangels nicht mehr gewährleistet werden kann.
Gerade von dort, nämlich aus Frankreich, plant übrigens Irland über das Stromkabel „Celtic Interconnector“ ab 2028 Ressourcen zu beziehen und damit wohl auch den steigenden Strombedarf der Rechenzentren zu speisen. Doch wozu braucht es diesen riesigen Infrastrukturaufwand eigentlich?
In Datacentern werden alle jene Tools abgewickelt, die für viele zur Gewohnheit und damit auch zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Seien es Cloud- und Streamingdienste, digitale Plattformen, Kryptowährungen, oder KI-Software, die sowohl in der Arbeitswelt eingesetzt wird, als auch in der Freizeit als Unterhaltungsinstrument dient. Selbstverständlich ist all das aber eben nicht. Strom stellt keine unendliche Ressource dar.
Alles eine Frage der Effizienz?
Hans-Peter Schmid von der Unternehmensberatung „Arthur D Little“ führt an dieser Stelle aber auch mögliche Potentiale der Digitalisierung ins Treffen. Durch diese könne der Strom besser kontrolliert und effizienter verteilt werden. „Natürlich ist die Technologie auch dazu da, den Stromverbrauch und die Laststeuerung zu optimieren. Da bieten insbesondere die KI aber auch, ich sage mal, bestehende Algorithmen, die ja regelmäßig bereits in der Energiewirtschaft verwendet werden, eine gute Grundlage dafür, um sich in diese Richtung zu entwickeln.“
Das Datencenter Wenatchee in der Nähe von Washington, USA. © CommonsWikimedia, Tedder.
Effizienzsteigerung – die wird stets als Argument angeführt, wenn der wachsende Strombedarf durch Rechenzentren zur Sprache kommt. Ulrike Felt – studierte Physikerin und leitende Wissenschaftlerin am Institut für Wissenschafts- und Technikforschung der Universität Wien – bleibt skeptisch. „Wir können immer über Effizienz sprechen, aber wenn wir gleichzeitig expandieren, dann bin ich zwar effizienter, aber letztendlich brauche ich ja trotzdem mehr Strom.“
Dafür dann alleine den Endverbraucher oder die Endverbraucherin verantwortlich zu machen und nur Einsparungen von ihnen zu verlangen, greife zu kurz, sagt Felt. Die Wissenschaftsforscherin erinnert an den Begriff des „Co2-Fußabdrucks“, der 2004 von dem britischen Ölkonzern BP in Kampagnen forciert wurde, um die Verursacherrolle von sich weg und zu den individuellen Menschen hin zu schieben. Es mache schon Sinn, auch selbst auf den Energieverbrauch zu achten. „Aber das ist keine große Lösung. Und wir brauchen eine viel viel größere Lösung als das Wohnzimmer der einzelnen Personen und deren Küche oder Kochtopf. Und das ist für mich die Schwierigkeit: Dass wir das Kleine angehen, aber das Große auslassen.“♦
Zum Weiterlesen:
Hörtipp: Daphne Hruby hat zu dem Thema auch eine Ö1-Dimensionen-Sendung gestaltet: https://sound.orf.at/podcast/oe1/dimensionen/digitaler-energiehunger
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