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Gemälde Geschichtenerzählerin von Kindern umringt
"Die Geschichtenerzählerin" - Gemälde von Publio de Tommasi (Ausschnitt). © CommonsWikimedia.

Narrativ und Geschichtlichkeit

Es ist derzeit in aller Munde – das „Narrativ“. Meist schwingt etwas Abwertendes mit. Doch was hat es mit diesem Begriff auf sich? Und können wir überhaupt NICHT erzählen?

Jan David Zimmermann | Wissenschaft | 21. November 2025

Der Begriff „Narrativ“ wird – ähnlich wie jener des Diskurses – vielfach verwendet und bemüht; gerade in der Sprache der Öffentlichkeit. Bei „Narrativ“ gesellt sich zumeist eine gewisse Abwertung hinzu, die dem Terminus folgende Bedeutung zuzuweisen scheint: unplausible Erzählung, Herrschaftserzählung zur Stabilisierung von Macht oder gar: Märchen.

Der Begriff „Narrativ“, von lateinisch narrare (= erzählen), entwickelte sich in den letzten Jahrzehnten von einem kulturtheoretischen und literaturwissenschaftlichen Fachbegriff hin zu einem zentralen Schlagwort in Medien, Politik und öffentlicher Kommunikation.  Während er im 20. Jahrhundert zu einem zentralen Begriff der sogenannten „Narratologie“ (Erzähltheorie etwa nach Gérard Genette) wurde, so verschob sich seine Bedeutung mehr und mehr hin zum Bereich der politischen Rhetorik.  Ab den 1970er und 1980er Jahren übernahmen Soziologen, Historiker und Politikwissenschaftler den Begriff, um zu beschreiben, wie Gesellschaften Sinn und Identität durch Erzählungen – vielfach nationale (Gründungs-)Mythen – herstellen. 

Einflussreich war hier insbesondere der US-amerikanische Historiker Hayden White mit seinem Werk „Metahistory“. White versucht darin, Geschichtsschreibung selbst zu reflektieren und mittels rhetorischer und literaturwissenschaftlicher Kategorien zu analysieren. Historiographie verstand White dabei nicht nur als Form narrativer Gestaltung, sondern betonte, dass jeder Historiker eine bestimmte Struktur von Wortfiguren und Erzählelementen verwendet, die nicht nur stilistisch, sondern auch erkenntnistheoretisch wirksam sind.

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