Plädoyer für eine differenzierte Männlichkeit
Wann immer ein Mann eine Frau belästigt, missbraucht, schlägt oder vergewaltigt taucht er in der öffentlichen Debatte auf: der Begriff der „toxischen Männlichkeit“. Doch was hat all das tatsächlich mit Maskulinität zu tun? Und welches vergiftete Selbst- und Fremdbild geben wir Burschen damit eigentlich mit auf den Weg?
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Der deutsche Komponist Konstantin Wecker hat laut eines Berichts der Süddeutschen Zeitung zwischen 2011 und 2012 ein Verhältnis zu einer damals Minderjährigen unterhalten. Er war zu diesem Zeitpunkt etwa Mitte 60 – das Mädchen 15 Jahre alt. Jetzt, nach Bekanntwerden lässt Wecker über seinen Anwalt ausrichten, „nach seiner Erinnerung“ habe es sich um eine „einvernehmliche Beziehung“ gehandelt, die aber „unter moralischen Maßstäben ein gänzlich unangemessenes Verhalten seinerseits darstellte“, für das er „die betroffene Frau um Entschuldigung bitten“ möchte.
Unangemessen war dieses Verhalten ohne Zweifel. Und zudem verwerflich und verstörend. Doch anstatt tiefer in die Ursachenforschung zu gehen – denn solche Geschichten sind keine Einzelfälle – und nicht bloß mit dem erhobenen Zeigefinder zu wedeln, folgt in einigen Medien, auf digitalen Plattformen und in Foren lieber prompt die Erklärung: es war die „toxische Männlichkeit“.
"Toxische Männlichkeit"
Dieser Begriff wird immer gerne hervorgezaubert, wenn ein Mann eine Frau schlägt, wenn ein Mann eine Frau vergewaltigt, oder wenn ein Mann eine Frau sogar tötet, kurz gesagt: wenn patriarchales Verhalten zutage tritt, das aber ganz unterschiedlich begründet sein kann. Beispielsweise in der Erziehung und Gewalterfahrungen, die man beobachtet hat oder die einem selbst wiederfahren sind und die dann als „Normalität“ weitergelebt werden. Oder in kulturellen Rollen- und Geschlechterbildern. Wobei das eine das andere bedingt.
Kontrollverlust, Ausnahmezustand
Es kann aber auch aus einem psychischen Ausnahmezustand und Kontrollverlust heraus geschehen, der nicht automatisch etwas mit dem Geschlecht zu tun haben muss. Das soll keinerlei Relativierung und schon gar keine Rechtfertigung für solch ein Verhalten sein. Im Gegenteil. Schiebt man alles auf die „toxische Männlichkeit“, zieht man damit jene Männer, die sich so gebärden, erst recht aus ihrer Verantwortung. Denn dann folgt die Ausrede: das liege ja quasi in ihrer Männlichkeit begraben, dafür könnten sie mitunter gar nichts. Und es enthebt auch uns Journalisten, die Politik, die Wissenschaft und die Gesellschaft als Ganzes der Aufgabe, tiefer zu graben und dabei auch auf Gegebenheiten sowie Entwicklungen zu stoßen, die mitunter unangenehm sein können. Die man lieber nicht anspricht, weil sie heikel sind.
Doch das gehört zu einer aufgeklärten Gesellschaft dazu. Genauso wie es dieser inhärent sein sollte, Dinge klar beim Namen zu nennen.
Dementsprechend sind diese Männer als das zu bezeichnen, was sie sind: Patriarchaten, Gewalt- oder Missbrauchstäter, Vergewaltiger, oder eine psychisch gestörte Persönlichkeit. Das Geschlecht sollte man wie frau dabei nicht verschweigen, aber es sollte auch nicht so getan werden, als liege das in der Natur eines jeden Mannes.
Böses Testosteron?
Als nächste simple Schubladisierung folgt dann meist die Begründung: es war das Testosteron. Dieses böse Sexualhormon, das Männer aggressiv und ungehemmt mache, das ihnen zu Kopf steige und sie eben diesen verlieren lasse.
Nun zeigen Studien aber zweierlei: Ja, ein hoher Testosteronspiegel kann aggressives Verhalten triggern. Wobei in der Wissenschaftswelt keine Einigkeit darüber herrscht, wie kausal dieser Zusammenhang tatsächlich ist. Zudem zeigen Untersuchungen: das männliche Sexualhormon kann auch prosozial wirken und den Zusammenhalt einer Gruppe stärken. Belegt wurde das unter anderem in einem Forschungsprojekt unter Leitung von Neuroendokrinologin Esther Diekhof – also einer Spezialistin für das Hormon- und Nervensystem – an der Universität Hamburg. Getestet wurden 50 Fußballfans, bei denen zuvor die Testosteronkonzentration gemessen wurde. Das Experimentierfeld war ein Onlinespiel. Dort konnten die Männer entweder für sich alleine Punkte sammeln, oder sich dafür einsetzen, dass ihre Gruppe letztlich das Spiel gewinnt.
Sexualhormon kann Zusammenhalt fördern
Das Ergebnis: „Die Daten zeigten, dass Testosteron bei Männern zum Beispiel den Verzicht auf persönliche Vorteile zum Wohle der eigenen Gruppe oder eine erhöhte Kooperationsbereitschaft gegenüber eigenen Gruppenmitgliedern fördert. Dies galt vor allem in Situationen, bei denen sie sich für die eigene Gruppe einsetzen und gegen andere behaupten mussten“, schreibt die Universität Hamburg im Jahr 2014.
Diekhof unterstreicht zudem: „Das negative Verständnis der Wirkung von Testosteron beruht zumeist auf recht alten und nur korrelativen Befunden, zum Beispiel aus Fragebögen.“
Die Mannschaft aus Leipzig feiert ihren DFB Pokal. © CommonsWikimedia, Steffen Prößdorf.
Es gibt weitere Untersuchungen, die zu ähnlichen Resultaten kommen. Nachzulesen etwa in einer 2019 publizierten Masterarbeit von Felix Dörflinger, die vom Leiter der Abteilung für Soziale, Kognitive und Affektive Neurowissenschaften der Universität Wien, Claus Lamm, betreut wurde. In dieser wird auf einen weiteren Faktor hingewiesen: die individuelle Persönlichkeit. „Bei Männern mit niedriger Dominanz und hoher Selbstkontrolle förderte Testosteron prosoziale Aktionen, während bei Männern mit hoher Dominanz und niedriger Selbstkontrolle prosoziale Aktionen durch Testosteron abgeschwächt wurden. Es wurde jedoch keine Wirkung von Testosteron auf aggressive Reaktionen festgestellt“, heißt es bereits im Abstract der Arbeit.
Mann ist nicht gleich Mann
Diese Studien verdeutlichen: Verhalten fällt nicht einfach vom Himmel. Es wird auch angelernt und kann demnach ebenso verändert werden. Pauschalisierungen à la „man weiß ja, dass Mann so ist“ greifen viel zu kurz. Und sie schaden dem Diskurs sowie dem gesellschaftlichen Miteinander.
Ich als Frau will auch nicht auf eine „Person mit Gebärmutter“ reduziert werden. Ich möchte nicht als östrogengesteuerte Geburtsmaschine auf Beinen betrachtet werden. Übrigens finde ich es interessant, warum eigentlich nie von „Person mit Prostata“ die Rede ist. Ich werde aber weder hier noch dort in den Generalisierungs-Chor miteinstimmen.
Negative Suggestion
Ich als Frau und Mensch frage ich mich – und damit auch jene, die dieses Wort gebrauchen: was will man mit dem Begriff „toxische Männlichkeit“ erreichen und was will man suggerieren? Dass es männlich ist, Frauen sexuell zu belästigen? Dass es männlich ist, intime Beziehungen zu Minderjährigen zu führen? Dass es männlich ist, seine Kinder, seine Lebensgefährtin oder sich mit anderen Männern zu schlagen? Dass es männlich ist, zu vergewaltigen? Dass es männlich ist, sich über Frauen erhaben zu fühlen? Männlich, männlicher, toxisch männlich? Ist das das Bild, welches wir Burschen mit auf den Weg geben wollen? Dass sie sich für ihre Männlichkeit schämen müssen? Dass gerade in ihnen etwas Böses, nämlich „das Männliche“, steckt? Damit will ich nicht sagen, dass sich nicht in uns allen auch dunkle, ja auch böse Seiten verbergen. Doch was hat das mit Männlichkeit an sich zu tun?
Keine penisgesteuerten Roboter
Für mich ist ein echter Mann jemand, der Frauen respektiert. Immer und auf allen Ebenen. Das würde ich gerne als Männlichkeitsideal bezeichnet sehen. Und ich möchte jene Männer gestärkt wissen, die bereits so sind oder so sein wollen. Denn das ist in unserem Land noch immer die Mehrheit. Damit das so bleiben kann, muss man bedenkliche Entwicklungen aufzeigen. Damit das so bleiben kann, darf man Mann aber auch nicht in eine schwammig gezimmerte Schublade einsortieren, dort versiegeln – dass ja niemand genau hinblicken kann – und dann mit dem umso größeren Etikett „Vorsicht: toxisch männlich!“ kennzeichnen.
Ich will, dass man allen Männern Gehör schenkt. Und dabei vor allem auch jenen, die mit dem alten Rollenbild ihres Geschlechts gehadert haben und sich nun mit neuen Zuschreibungen konfrontiert sehen – und dabei auch mit Widersprüchen des vermeintlichen Ideals, ein echter Mann müsse heute Emotionen zeigen. „Vermeintlich“ deswegen, weil sich die Realität eben noch immer anders gestaltet. Denn viele Frauen wünschen sich nach wie vor den „starken, muskelbepackten Beschützer“, der nun zwar Mitgefühl an den Tag legen solle – aber bitte, nicht zu viel davon, denn das sei schließlich „unmännlich“, erfährt frau, wenn sie sich bei sensiblen Männern umhört.
Anstatt den Männern also eine weitere generalisierende Zuschreibung überzustülpen, plädiere ich dafür, sie als das zu betrachten, was sie sind: unterschiedlich und vielfältig.♦