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Wolodymyr Selenskkyj und Karol Nawrocki
Die Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und Karol Nawrocki bei der Pressekonferenz nach dem für die Ukraine ungünstig verlaufenen Staatsbesuch im Dezember. © CommonsWikimedia; W2k2.

Polen, die Ukraine, und die Frage des Genozids

Polen macht die Aufnahme der Ukraine in die EU abhängig von einer „vollen Aufklärung” der Massenmorde an bis zu 100.000 Polen durch ukrainische Nationalisten im Zweiten Weltkrieg. In Wirklichkeit geht es aber auch um Wirtschaftsinteressen.

Boris Kálnoky | Politik | 09. Januar 2026

Am 19. Dezember besuchte der ukrainische Staatspräsident Volodymyr Selenskyj Polen, wo er von Staatschef Karol Nawrocki empfangen wurde. Der Schritt wurde als diplomatischer Erfolg für Selenskyi gewertet, denn Nawrocki hatte die Ukraine seit seinem Amtsantritt am 6. August 2025 oft und scharf kritisiert – im Gegensatz zu Ministerpräsident Donald Tusk, der ganz die EU-Linie maximaler Unterstützung der Ukraine „bis zum Ende” vertritt. Nawrocki kommt hingegen aus der rechtskonservativen, euroskeptischen PiS-Partei. 

Undankbar!

Die bloße Tatsache der Begegnung war positiv, der Ton dennoch hart: Nawrocki warf Selenskyi öffentlich „Undankbarkeit” vor für all die Hilfe, die Polen bislang geleistet hat, finanziell und militärisch. Es fühlte sich an wie die berühmte Konfrontation zwischen Selenskyi und US-Präsident Trump am 28. Februar 2025, als Trump dem Ukrainer ebenfalls Undankbarkeit vorwarf.

Selenskyi beeilte sich, Nawrocki zu versichern, die Ukraine sei sehr wohl dankbar, und versprach Bewegung bei einem anderen Thema, das Nawrocki seit seinem Amtsantritt forciert: Er fordert von der Ukraine volle Aufklärung des „Genozids” an der polnischen Bevölkerung in den einst polnischen Gebieten der Ukraine.

 „Genozid” ist ein Wort, das die ukrainische Seite ablehnt, aber Selenskyi versprach „einen Schritt” zu tun, um die Exhumierung von Massengräbern aus jener Zeit voranzutreiben. Das wiederum wäre ein Erfolg für Nawrocki und ein Trumpf für die Konservativen mit Hinblick auf die nächsten Wahlen im Oktober 2027.

Genozid wurde zentrales Thema

Das Genozid-Thema ist unterschwellig immer dagewesen in den Herzen vieler Polen, seine politische Instrumentalisierung ist aber relativ neu. Erst 2016 beschloss das polnische Parlament, die Massaker der Jahre 1939-46 an bis zu 100.000 Polen offiziell „Völkermord zu nennen. Und erst seit 2025 gibt es dazu einen offiziellen Gedenktag, den 11. Juli.

Es ist also ein altes Thema, das jetzt, 80 Jahre nach den Ereignissen, politisch neu aufgelegt wird. Es ist überhaupt DAS Thema der polnischen Innenpolitik, seit Nawrocki die mangelnde Aufklärung der Massaker durch die Ukraine zum Grund für eine Ablehnung eines ukrainischen EU-Beitritts macht. Darum dürfte es denn auch vor allem gegangen sein in seinen Verhandlungen mit Selenskyi.

Gleich in seinen ersten beiden großen medialen Auftritten machte Nawrocki das Thema zum Erkennungszeichen seiner Politik: In seinem ersten internationalen Interview, mit dem ungarischen Wochenmagazin Mandiner (der Transparenz halber: Ich bin dort stellvertretender Chefredakteur) und in seiner ersten großen offiziellen Rede, namentlich zum frisch aus der Taufe gehobenen Gedenktag am 11. Juli.

Gegen EU-Beitritt der Ukraine

Im Mandiner-Gespräch sagte er: „Ich bin gegenwärtig gegen einen EU-Beitritt der Ukraine”. Zwar müsse Polen die Ukraine im Kampf gegen Russland strategisch unterstützen, denn Russland bedeute die größte Gefahr für Polen und Europa. Aber die Ukraine „muss verstehen, dass andere Länder, wie Polen und Ungarn, eigene Interessen haben, und zu diesen Interessen zählt für uns die Exhumierung der (Opfer der) Wolhynien-Massaker”, sagte er. Von einem EU-Beitritt der Ukraine könne keine Rede sein, solange Polens Interessen nicht Rechnung getragen wird.

Deutlicher wurde Nawrocki in seiner Rede zum Gedenktag am 11. Juli. Er forderte Selenskyj auf, einer „umfassenden Exhumierung” der Opfer der Massaker zuzustimmen: „Wir können nicht akzeptieren, dass uns Polen das Recht verweigert wird, die Opfer des Völkermords in Wolhynien zu begraben. Denn sie fordern keine Rache: Sie fordern ein Kreuz, sie fordern ein Grab, sie fordern Erinnerung”.

Worum geht es überhaupt, und warum wird es gerade jetzt zum Politikum? Nach dem Ersten Weltkrieg entstand die „Zweite Polnische Republik”, nachdem das Land zuvor seit dem 17. Jahrhundert wiederholt zwischen Preußen, Österreich und Russland aufgeteilt gewesen war. Im anschließenden polnisch-sowjetischen Krieg (1919-1921) gelang es dem neu entstandenen Polen, auch frühere, historisch polnische, aber politisch ukrainische (russische, sowjetische) Gebiete zurückzuerobern.

Polnische Minderheit in Wolhynien

Daraus entstand ein chronischer Konflikt, denn in zwei Regionen, Wolhynien und Ostgalizien, stellten Polen nur eine Minderheit der Bevölkerung, Ukrainer die relative Mehrheit. Es entstanden ukrainische Widerstandsgruppen, die in der Zwischenkriegszeit zahlreiche Terrorakte verübten – etwa die Ermordung des polnischen Innenministers Bronislaw Pieracki 1934. Bereits 1929 war in Wien die „Organisation Ukrainischer Nationalisten” gegründet worden. Polen reagierte mit harter Repression. Ein OUN-Führer war Stepan Bandera, der von der polnischen Justiz – unter anderem wegen des Attentats auf Pieracki – zum Tode verurteilt wurde. Das Urteil wurde in lebenslängliche Haft umgewandelt.

Als Nazi-Deutschland  im Jahr 1939 Polen angriff, erhoben sich diese Gruppen sofort und griffen polnische Sicherheitskräfte und Zivilisten an – noch bevor Polen kapituliert hatte. Wolhynien und Ostgalizien wurden im Sinne des Hitler-Stalin-Pakts von den Sowjets besetzt. Bandera wurde nach Darstellung des britischen Historikers Timothy Snyder von den Polen freigelassen, wie viele andere Gefangene, um ihnen das Schicksal deutscher Haft zu ersparen.  Bandera selbst sagte, er sei entkommen. Er begab sich in den deutsch besetzten Teil Polens, nach Krakau, und soll dort mit der deutschen Abwehr zusammengearbeitet haben.

Die Sowjets töteten oder deportierten derweil in den von ihnen besetzten Gebieten die polnischen Eliten. Das gefiel den Ukrainern. Dann aber gingen die Russen auch gegen die ukrainischen Nationalisten vor.  Die OUN spaltete sich, ein militanter Flügel unter Bandera (OUN-B) organisierte sich im Untergrund, mit dem Ziel, einen unabhängigen ukrainischen Staat notfalls mit Waffengewalt zu erreichen.

Nachdem Hitler auch die Sowjetunion angriff, und deutsche Truppen Wolhynien und Ostgalizien besetzten, rief Bandera einen unabhänigen ukrainischen Staat aus. Nun verhafteten ihn die Deutschen. In der Folge kam es aber zu einem relativ guten Miteinander der Nationalisten mit den deutschen Besatzern. OUN-Anhänger traten den deutschen „Schutztruppen” bei. Als solche waren sie auch an der massenhaften Ermordung jüdischer Zivilisten beteiligt.

Ethnische Säuberung 

Als absehbar wurde, dass die Deutschen den Krieg nicht gewinnen, und sowieso auch keinen unabhängigen ukrainischen Staat dulden würden, wandten sich die ukrainischen Nationalisten zunehmend auch gegen die deutschen Besatzer. Es entstand eine Guerilla-Armee, die UPA, die eng mit der OUN-B von Bandera verflochten war. Je deutlicher die sich abzeichnende deutsche Niederlage wurde, desto mehr fürchteten die Nationalisten die Entstehung einer Nachkriegsordnung, in der es wieder einen polnischen Staat geben würde. Der würde bestimmt Anspruch erheben auf die Vorkriegsgrenzen, also auch auf Wolhynien und Ostgalizien. Die Lösung: ethnische Säuberung, Vertreibung der polnischen Bevölkerung.

Am 9. Februar 1943 ermordete die UPA 150 Polen im Dorf Parosla. Es war der Auftakt einer Welle von Massakern, die ihren Höhepunkt im Juli und August 1943 erreichten. Die Ukrainer gingen dabei teilweise mit sadistischer Grausamkeit vor. Wer die Nerven dazu hat, mag sich kundig machen, ich möchte die Gräueltaten hier nicht plastisch beschreiben.

Die ethnische Säuberung „funktionierte”. Irgendwo zwischen 60.000 und 300.000 Polen wurden ermordet, genau weiss es niemand, und fast 500.000 vertrieben, Wolhynien und Ostgalizien kamen nach dem Krieg nicht zu Polen, sondern zur Ukraine, mit einer deutlich geringeren polnischen Rest-Bevölkerung.

Tomasz Monlina Warszawski Marsz Pamieci 2023 Porozumienie Pokolen Kresowych webGedenkmarsch in Warschau 2023 an das Massaker von Wolhynien. © CommonsWikimedia, Tomasz Monlina.

Warum aber wird all dies jetzt zum Thema der polnischen Politik? Zum einen kann die konservative PiS damit innenpolitisch punkten, Nawrocki vermochte damit die Präsidentschaftewahl im Sommer 2025 zu gewinnen. Es kann auch für die Wahlen 2027 relevant bleiben. Zum anderen geht es wohl bereits darum, für die Zeit nach dem Krieg wirtschaftliche Zugeständnisse der Ukraine zu erreichen.

Offiziell lautet das Argument: Ohne Genozid-Aufklärung kein ukrainischer EU-Beitritt (weil Polen dies dann blockiert, wohl zusammen mit Ungarn). Aber im Hintergrund geht es auch um wirtschaftliche Forderung: Polen möchte in Odessa ein eigenes Schwarzmeer-Terminal, und eine Frachtzugverbindung dorthin, sowie eine Luftfracht-Drehscheibe für polnische Waren in der Zentralukraine. 

Insofern ist in den nächsten Monaten ein begrenztes Entgegenkommen der Ukraine zu erwarten, mehrere Massengräber aus der Zeit der Massaker dürften erforscht werden. Nawrocki kann das dann als Erfolg verkaufen, die PiS kann damit Wahlkampf machen, und ganz nebenbei dürfte die wirtschaftliche Präsenz Polens in der Ukraine deutlich zunehmen.♦

Boris Kálnoky

Autor bei Libratus