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Frau am Schreibtisch mit Wecker
© Bild:123RF Bildagentur; Supattra Suparit.

Schadet Teilzeitarbeit dem Sozialsystem?

Die Politik hat einen neuen Sündenbock für Wirtschaftskrise und nahendem Kollaps des Sozialsystems gefunden: die Teilzeitarbeiter. Diese gefährden das Zusammenleben und den Sozialstaat. Nun wird gefordert, dass Teilzeitarbeit durch Selbstbehalte bestraft wird. Doch stimmt die These überhaupt?

 

Gudula Walterskirchen | Wirtschaft | 19. September 2025

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Plötzlich war sie da, die Debatte über die Teilzeitarbeit. Das Pensionssystem steht auf der Kippe: die Teilzeitarbeiter sind schuld. Sie zahlen zu wenig ins System ein. Lange Wartezeiten auf Operationen und volle Arztpraxen? Schuld sind die Teilzeitarbeiter, weil sie volle Leistung beanspruchen, aber in Relation zu Vollzeit-Erwerbstätigen weniger einzahlen. Daher sollte man für sie Selbstbehalte einführen. Und überhaupt ist Lifestyle-Teilzeitarbeit unsozial, heißt es seitens der Politik.

So etwa postulierte Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmansdorfer: „Immer mehr Menschen gehen in Pension, immer weniger kommen nach – und kaum ein anderes Land hat die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden so stark reduziert wie Österreich. Das gefährdet unseren Sozialstaat und unser Zusammenleben.“

Nach einem Sturm der Entrüstung relativierte man in einem Punkt: Personen mit Betreuungspflichten, etwa Mütter oder pflegende Angehörige, seien natürlich nicht gemeint, wurde dann beteuert. Doch in der Praxis geht man neben den Jungen, die lieber mehr Freizeit haben, auch auf die Frauen los. 49,4 Prozent der Frauen in Österreich würden Teilzeit arbeiten, rechnet etwa die „Initiative Österreich 2040“ vor. Nur für jene mit Betreuungspflichten sei sie gerechtfertigt und müsse die Ausnahme darstellen.

 Im EU-Schnitt betrage die Quote bei Frauen nur 28,6 Prozent. Und dann wird ein unmittelbarer Zusammenhang mit vollen Arztpraxen, Ambulanzen und Wartezeiten für OPs hergestellt. „Ist das gerecht?“ – lautet die suggestive Frage. Also sollten Selbstbehalte eingeführt werden.

Dabei werden allerdings einige wesentliche Faktoren negiert: Es gibt jene Kinderbetreuungsplätze und Heimplätze schlicht nicht, die es brauchen würde, um Mehrarbeit zu ermöglichen. Gerade Eltern sind ohnehin schon mehrfach belastet, eine Diskussion darüber, dieser Gruppe noch mehr Arbeit abzuverlangen, ist zynisch. Die Kosten für staatliche Kinder- und Altenbetreuung wäre um ein Vielfaches höher als wenn diese in den Familien betreut werden. Also ist es für das Staatsbudget ein Vorteil, dass der Großteil noch zu Hause betreut wird.

Gibt gute Gründe

Und dann gibt es viele Menschen, die aus gutem Grund weniger als Vollzeit arbeiten. So etwa für eine Frau, die Kinder großgezogen und dann noch eine Berufsausbildung zur Diplomkrankenschwester abgeschlossen hat, um bis zur Pensionierung in einem Krankenhaus zu arbeiten. Es ist nachvollziehbar, wenn so jemand Teilzeit vorzieht, denn mit 60 Jahren ist es gesundheitlich nicht mehr möglich, tagtäglich auf der Station zu arbeiten und ständig Nachtdienste zu schieben. Der Beruf ist ohnehin burn-out gefährdet. Und was ist mit jenen, die Teilzeit arbeiten, um sich zusätzlich ehrenamtlich zu engagieren? Und was ist mit jenen, denen überhaupt nur eine Teilzeitstelle angeboten wird? Das kommt selbst im öffentlichen Dienst vor, wie Betroffene "Libratus" berichten: Sie wollten eigentlich eine Vollzeitstelle, bekamen aber nur 20 oder gar 15 Stunden angeboten. 

Wer arbeitet überhaupt?

In Zeiten von Wirtschaftskrise und steigender Arbeitslosigkeit erscheint die Diskussion insgesamt verkürzt. Es gibt sicher Fälle, wo Firmen eine Vollzeitkraft suchen, die Betreffenden aber Work-Life-Balance einfordern. So etwa im IT-Bereich, wo dringend Fachkräfte gesucht werden und die Betreffenden dann wählerisch sein können. Doch ist dies nicht die Norm, und auch hier kann man ja niemanden zwingen.

Es geht insgesamt weniger darum, dass Menschen nicht 38 Stunden pro Woche arbeiten, sondern ob sie überhaupt arbeiten. Österreich hat seit 2015 Hunderttausende Menschen aus aller Welt aufgenommen. Ein großer Teil von ihnen ist nicht erwerbstätig und hat nie ins System eingezahlt. Asylwerber dürfen während des Verfahrens, das lange dauern kann, auch nicht arbeiten. Viele sind selbst danach nicht vermittelbar, weil sie die Sprache nicht sprechen und Qualifikationen fehlen. So etwa sind jene, die 2015 nach Österreich kamen, nur zu 60 Prozent im Erwerb - nach 10 Jahren! Dennoch sind laut Gesetz Asylwerber, anerkannte Asylanten, jene mit Schutzstatus, wie alle Ukrainer und sogar abgewiesene Asylwerber, sowie deren Angehörige voll versichert und können alle Leistungen des Gesundheitssystems kostenlos in Anspruch nehmen. Dass somit mehr Menschen zum Arzt und ins Krankenhaus gehen, ist angesichts dieser Zahlen und des oft relativ schlechten Gesundheitszustandes logisch. Dazu müssten jene, die den Teilzeitkräften die Schuld zuschieben, nur einmal Spitäler und Arztpraxen aufsuchen, um die Realität kennen zu lernen.

Leistungsfeindliches System

Das führt zu einem weiteren Punkt, der (absichtlich) übersehen wird: Das Steuersystem ist leistungsfeindlich. Wer mehr arbeitet, profitiert nicht im gleichen Maß von seiner Mehrleistung. Das ist die Tücke der progressiven Besteuerung. In höheren Einkommensstufen muss man einen höheren Prozentsatz an Steuern zahlen. Überstunden sind ebenso recht hoch besteuert – Österreich liegt hier im Spitzenfeld. Damit stellen sich viele Arbeitnehmer die Frage, ob Mehrarbeit überhaupt lohnt? Bezieher von Mindestsicherung und Pensionisten haben sehr enge Grenze, ob und wie viel sie dazuverdienen, also arbeiten dürfen. Die Schuld, wenn man überhaupt von so etwas sprechen kann, liegt also nicht bei den Arbeitnehmern, sondern beim leistungsfeindlichen Steuersystem. Andere Länder, wie die Slowakei oder Ungarn, haben eine einfach Flat Tax mit einem niedrigen fixen Steuersatz. Würde sich also Mehrarbeit mehr lohnen, wäre das ein Anreiz für eine Aufstockung der Stunden, anstatt mit Strafen zu drohen.

Teilzeitarbeiter fokussierter

Eine weitere These der „Initiative Österreich 2024“ lautet: „Teilzeit schwächt das Wirtschaftswachstum und schadet den Unternehmen“. Doch stimmt das?

Bloße Anwesenheit am Arbeitsplatz ist nicht gleichzusetzen mit Leistung. Das sei einmal festgehalten. Und seit vielen Jahren ist erwiesen, dass Teilzeitarbeit mindestens so effizient, wenn nicht effizienter ist als Ganztagsarbeit. Es gibt eine Reihe von Studien, die ergaben, dass die Arbeitgeber sehr wohl die höhere Effizienz zu schätzen wissen. Teilzeitkräfte würden sich mehr auf das Wesentliche fokussieren, lautet eines der Ergebnisse.

Das erscheint logisch, denn sie müssen in kurzer Zeit viel erledigen, machen weniger Pausen und haben einen geringeren Leistungsabfall. Den Teilzeitkräften wurde auch eine höhere Leistungsbereitschaft attestiert. Das führte zu einem vermehrten „Job sharing“, also dem Teilen einer Arbeitsstelle zwischen zwei Arbeitnehmern. Das einzige Argument, das gegen Teilzeit ins Treffen geführt wird in diesen Studien, ist der höhere Koordinationsaufwand.

Dass die Gesellschaft altert, die Menschen zu früh in Pension gegangen sind und immer noch gehen, dass weniger Kinder geboren werden – das alles war absehbar und hat nichts mit Teilzeitarbeit zu tun. Im Gegenteil: Wenn man den Druck erhöht, Vollzeit zu arbeiten und Strafen androht, dann werden sich noch mehr junge Menschen dazu entschließen, keine Familie zu gründen. Das zeigt das Beispiel Italien, wo es keine Karenz für Mütter gibt und das die niedrigste Geburtenrate Europas hat.

Familienfeindliche Bedingungen

Es ist also angesichts dieser blinden Flecken unseriös und spaltend, den Teilzeitkräften die Schuld am Zustand des Sozial- und Gesundheitssystems zu geben. Vielmehr ist es eine Fortsetzung der Strategie, beliebige Sündenböcke zu definieren, um die Verantwortung den Machtlosen zuzuschieben. Und das, weil man es nicht wagt, die wahren Ursachen zu benennen und sich etwa zu fragen, warum plötzlich so viele Menschen kränker sind und warum gesunde junge Männer aus aller Welt untertags spazieren gehen, während sich junge Mütter zwischen Familie und Beruf aufreiben.♦

 

Gudula Walterskirchen

Herausgeberin Libratus

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