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medienfoerderung

Podiumsdiskussion Libratus 17 09 2026
Ein spannendes Podium und ein diskutierfreudiges Publikum: Hans Harrer, Ilona Švihlíková und Ewald Nowotny (v.r.n.l.).

„Sorge mich vor Finanzkrise schlimmer als 2008!“

Aussagen von Ökonomen bei der Libratus-Podiumsdiskussion in Wien ließen aufhorchen: Der ehemalige Nationalbank-Gouverneur Ewald Nowotny rechnet damit, dass ein schlimmerer Crash als bei der Finanzkrise 2008 auf uns zukommt, wenn nicht rasch gehandelt wird. Und die tschechische Wirtschaftsprofessorin Ilona Švihlíková rechnete vor, dass sich eine „Kriegswirtschaft“ nicht rentiert, dafür Leben kostet.

Gudula Walterskirchen | Politik, Wirtschaft | 25. September 2026

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Die Inflation nistet sich ein, Energiepreise explodieren, etliche Länder stecken in der Rezession fest, Leitzinsen werden erhöht, der Yenkurs brach ein und musste gerettet werden, europäische Goldreserven aus den USA werden abgezogen, weil man den USA nicht mehr traut – es herrscht eine tiefe Vertrauenskrise. Müssen wir uns jetzt sorgen machen, dass es wieder zu einer Finanzkrise kommt wie 2008? Oder ist es bloßer Handelskrieg?

„Ich bin besorgt bezüglich der Finanzmarktstabilität. Die Märkte allein schaffen das nicht.“ Das sagte der Finanzwissenschaftler, langjährige Gouverneur der Österreichischen Nationalbank und ehemalige Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank Ewald Nowotny im Rahmen der „Libratus“-Podiumsdiskussion am 17. September 2026 in Wien. Diese stand unter dem Titel: "Wohin steuert Europas Wirtschaft? Ist Kriegswirtschaft die Lösung?“ Er fürchte, dass ein Finanzkrise auf uns zukomme, die noch schlimmer sei als jene von 2008.

Nowotny VA 17092026 webEx-ONB-Gouverneur Ewald Nowotny bei der Podiumsdiskussion in Wien. © Libratus.

Die Ursache für die drohende Mega-Finanzkrise sieht Nowotny in der Deregulierung des Bankensektors, viele Regeln wurden abgeschafft. Das führte zu übermäßigen Kreditvergaben und zur Krise. Es brauchte also eine Reregulierung. „Die Situation heute ist, dass die Notenbanken, die früher in großem Stil Bonds, also Anleihen aufgekauft haben, sich wieder zurückziehen und ihre Bilanzsummen reduzieren.“ Eine größere Rolle spielten hingegen private Anleger, wie Hedgefonds oder Spekulanten.

„Das ist jetzt umso gefährlicher, weil wir neben dem staatlichen Bereich auch eine zunehmende Verschuldung des privaten Sektors haben.“ Nowotny nennt hier die großen US-Tech-Unternehmen im Bereich der KI, hier würden derzeit gigantische Investitionen getätigt – und das alles mit Krediten. So etwa wurden allein für den Bau von Rechenzentren in den USA 325 Milliarden Dollar investiert. Und in den nächsten Jahren wollen die Tech-Giganten weltweit sagenhafte 665 Milliarden in Hyperscaler investieren – alles auf Kredit. (Libratus berichtete.)

Nervöse Finanzmärkte

Ewald Nowotny wurde im März 2008 Gouverneur der Notenbank, am 20. September ging das US-Bankhaus Lehman in Konkurs. „Von da an hat keine Bank der anderen mehr vertraut. Wenn wir da nicht eingegriffen hätten, hätte das zu einer Weltwirtschaftskrise wie in den 1930er Jahren führen können.“ Man musste also staatlich eingreifen, man musste Stabilität schaffen. Es sei ein Glücksfall gewesen, dass an der Spitze der US-Notenbank Fed ein Wissenschaftler, Ben Bernanke, stand, dessen Spezialgebiet die Weltwirtschaftskrise war. Doch diese Situation könne heute wieder eintreten, nur noch schlimmer, meint Nowotny. „Wenn mich also etwas nervös macht, sind es derzeit die Finanzmärkte.“

Auch die Prager Ökonomin Ilona Švihlíková beobachtet eine Negativspirale in diesem Sektor: „Wir werden in der Hochzinsphase bleiben, alles spricht dafür. Es gibt große Nachfrage nach Kapital, auch für Investitionen in Künstliche Intelligenz. Die Staaten, allen voran die EU, haben zu viele Prioritäten, die man nicht finanzieren kann. Es gibt einen zu großen Inflationsdruck. Es sind sehr große Risiken da.“ Der Kurs des Yen sei ganz wichtig für die Weltwirtschaft. „Die USA sind der größte Gläubiger, die hatten einen Grund, Japan beizuspringen.“

Svilhikova VA17092026 webDie tschechische Ökonomin Ilona Švihlíková. © Libratus.

Es gebe also viele gefährliche Entwicklungen in der Weltwirtschaft, doch die Rezepte dagegen hält sie für nicht zielführend. „Ist es vernünftig, dass die EZB angesichts der weltweiten Probleme, wie in der Straße von Hormuz, einfach nur die Zinsen erhöht? Dadurch wird Benzin nicht billiger.“ Es gebe andere Möglichkeiten, wie etwa Preisdeckel durch die Regierung. „Wir haben eine strukturelle Krise, das muss man zugeben.“ Es sei keine vernünftige Richtung für die Wirtschaft, mit immer noch mehr Ländern Krieg zu führen. Daher fordert sie mehr Diplomatie, um die Ursache dieser Probleme zu lösen und nicht nur deren Symptome zu bekämpfen. „Das ist doch das Instrument, um eine Krise zu lösten, und die EU hat darauf verzichtet.“

"Von der Leyen muss weg"

Europa sei von einer gefährlichen Politik geleitet, das beginne an der Spitze der EU meint Švihlíková. „Diese Leute müssen weg.“ Für diese Forderung erntete die tschechische Ökonomin viel Applaus vom Publikum. „Mit Frau von der Leyen oder Frau Kallas kann man nichts zum Besseren wenden.“ Diese Menschen hätten keinen Bezug zur Realität, sie lebten in ihrer Bürokratie, in einer anderen Welt. Generell fand Švihlíková deutliche Worte, auch was die Nato-Mitgliedschaft ihres Landes betrifft, und sieht Österreich als Vorbild. Sie war im Gespräch als Beraterin des tschechischen Premiers Andrej Babiš, der aufgrund eines medialen Wirbels dann einen Rückzieher machte.

"Wissen, wie so was endet"

Von der EU wird die Rüstung als Hoffnungsträger gesehen. In Deutschland rief Kanzler Merz die „Kriegswirtschaft“ aus, Arbeiter werden in der Autoindustrie gekündigt und heuern dann bei Rüstungskonzernen an. Der Wirtschaftsminister des neutralen Österreich sieht in der Rüstungsindustrie die Chance für die Wirtschaft und will den Neutralitätsvorbehalt ändern. Hilft die Rüstungsindustrie der Wirtschaft, führt sie aus der Krise? Dazu Švihlíková: „Wir haben ja schon die Erfahrung aus der Vergangenheit, wir wissen, wie sowas endet. Es erinnert mich an etwas – und ich möchte an diese Zeit nicht erinnert werden“, meinte sie in Anspielung auf die Aufrüstung im nationalsozialistischen Deutschland in den 1930er Jahren. Das Publikum applaudierte lautstark.

Publikum VA 17092026 webDer Saal im Dominikanerkloster war randvoll, das Interesse groß. © Libratus.

„Wenn man so viel Geld ausgibt, dann wird man die Waffen einsetzen.“ Für Deutschland sei die Rüstungsindustrie ein Verzweiflungsakt. „Wenn man Autos produziert, dann gibt es viele Profiteure - Firmen, Innovationen, Lieferketten, den Mittelstand, Absatzmärkte – das ist ein ökonomisches Modell, das läuft. Rüstung ist aber ein anderes Modell.“ Dieses funktioniere nicht so.

So etwa sei es vom Staat finanziert, es finanziere sich nicht selbst, sondern durch Staatsschulden. Es sei zentralisiert, der Profit konzentriere sich bei wenigen Menschen, „und die werden einen Krieg wollen, damit die Waffen dann auch eingesetzt werden.“ Die Rüstungsindustrie könne nie so vielen Menschen Arbeit geben wie die normale Industrie. Und sie rechne sich nicht, sagt Švihlíková. „Ich habe keine ernsthafte Studie gesehen, die besagt, die Investitionen in die Rüstungsindustrie multiplizieren sich per Absatz – so eine Studie gibt es nicht!“ Rüstung funktioniere nicht als Wirtschaftsmotor, und wenn, dann nur kurzfristig und für wenige Menschen, die profitieren.

"Totalversagen der EU"

Hans Harrer vom Senat der Wirtschaft wirft der EU und deren Apparat ein politisches „Totalversagen“ vor. „Der Geist von Europa, der uns damals motiviert hat, in diese Friedensgemeinschaft hineinzugehen, wo die Grenzen abgeschafft werden, von diesem ist nichts mehr da.“ Es sei das System auf einmal gekippt. „Es wurde ein Bürokratiewahn aufgebaut. Und der entsteht, wenn ich dem Volk nicht mehr vertraue.“ Die Selbstbestimmtheit sei torpediert worden. „Es ist das Perfideste, wenn das Volk von den Führern über eine Bürokratur verfolgt wird.“ Dies sei zu dem Stress, der ohnehin schon da sei, dazugekommen.

Vertrauen sei ein Fundament einer freien Gesellschaft, auch des Kapitalmarkts. Dieser fehle in Österreich generell. „Eine Kontoeröffnung war früher kein Problem, heute muss man einen Stapel Papiere unterschreiben, etwa zur Geldwäsche.“ Es fehle also das Vertrauen, auch von oben. Speziell die mittelständische Wirtschaft leide darunter, weil alles von oben nach unten geregelt werde. „Deshalb hat die EU, wie sie heute funktioniert, versagt.“

Harrer VA 17092026 webHans Harrer, Vorstandsvorsitzender des Senats der Wirtschaft, brach eine Lanze für den Mittelstand. © Libratus.

Ewald Nowotny kann mit dieser Aussage „nicht viel anfangen“. Er sieht in der EU eine Erfolgsstory, sie sei „die einzige Möglichkeit, um ein Gegengewicht zu anderen zu schaffen“ im Hinblick auf die Globalisierung. Die Grundlage sei richtig, selbst wenn alles seine Probleme habe. Es sei Aufgabe des Staates, u.a. für die Sicherheit zu sorgen, auch für die äußere Sicherheit. „Wir haben ja keine riesigen Aufrüstungsprogramme.“ Man strebe in Österreich zwar eine Verdoppelung der Rüstungsausgaben an, das sei aber immer noch relativ ein geringer Anteil an der Industrie. „Ich finde es auch richtig, dass man diese Zeit nutzt.“ Für ihn ist die EU eine Friedensgemeinschaft, aber keine Weltregierung.

Er sieht aber eine zu große Abhängigkeit von den USA, etwa durch die Ratingagenturen. Diese hatte er schon früher immer wieder kritisiert und gab ihnen eine Mitschuld an der Finanzkrise 2008. Nowotny ist Mitglied der 2002 gegründeten europäischen Ratingagentur Scope, die zwar als einzige von der EZB anerkannt ist, allerdings noch nicht dieselbe Bedeutung wie die US-Agenturen erlangt hat.

Heftetisch VA 17092026 webDie Print-Ausgaben des Libratus Magazins fanden großes Interesse. © Libratus.

Die EU hat die Rüstungsausgaben von 2020 bis 2025 um 150 Prozent gesteigert. Da man nicht alles gleichzeitig finanzieren kann, ist die Frage: Was ist wichtiger? Soziales, Bildung, Gesundheit oder Sicherheit? Für Harrer ist die Sache klar: „Frieden ist für mich das größte Investitionspotential. Frieden schafft vertrauen, Kreativität, Innovation in allen Bereichen – im Frieden können wir uns etwas leisten.“

Der Unternehmer will die EU nicht freisprechen vom Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Europa habe schon im Balkankrieg versagt, gemeinsam mit seinem transatlantischen Partner, der USA, und da habe man einiges angerichtet, das Europa anders regeln hätte können. „Auch hier hat Diplomatie versagt. Heute ist Europa ein Anhängsel der geopolitischen Interessen der USA. Wir laufen Gefahr zwischen den Interessen Chinas und der USA zu verlieren.“ Es brauche mehr Diplomatie, springt er Švihlíková bei. „Wenn wir bereit sind, Diplomatie mit Kriegswirtschaft zu tauschen, dann ist das grob fahrlässiges Handeln gegenüber den zukünftigen Generationen.“ So etwa seien sich Jugendliche sicher, dass sie keine Pensionen mehr bekommen, und das sei kein Wunder.♦

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Gudula Walterskirchen

Herausgeberin Libratus

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