
Sport - nationale Identität und globale Bedeutung
Im Zuge der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA zeigte sich wieder einmal deutlich: Sport hat viel zu tun mit Patriotismus und nationaler Identität. Gleichzeitig strahlt diese Identität global aus. Im positiven Sinn. Sport ist ein Teil der Gesellschaftspolitik und wichtig für das „Nation Building“.
Als Spanien vor einigen Wochen Fußball-Weltmeister wurde, stellte die New York Times die Frage, ob der Jungstar der Mannschaft, Lamine Yamal, die neue Identität Spaniens darstellt. (NYT 21. Juli 2026). Tatsächlich trug der junge Dribbelkünstler von 19 Jahren wesentlich dazu bei, dass Spanien den World Cup gewinnen konnte. Gemeint ist aber wohl, wie weit Yamals Herkunft das neue Gesicht seines Landes prägt. Sein Vater Mounir Nasraoui stammt aus Marokko, seine Mutter Sheila Ebana stammt aus Äquatorial-Guinea.
Neu ist die im Zusammenhang mit Lamine Yamal gestellte Frage nicht. Schon der österreichische Fußball war wegweisend für die Entwicklung unserer Nation. Ist doch bereits die Familie von Matthias Sindelar, dem Stürmer-Star des Wunderteams der 1930er Jahre, war noch in der Habsburger-Monarchie geboren und wanderte von Tschechien nach Wien-Favoriten ein. Seine Teamkollegen Smistik, Sesta und Zischek hatten eine ähnliche Herkunft.
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war der österreichische Fußball von Burschen aus den Wiener Vororten mit „Migrationshintergrund“ geprägt. Wenige Jahrzehnte später fanden sich viele tschechischen Familiennamen in der österreichischen Spitzenpolitik mit Vranitzky, Blecha, Löschnak, Swoboda, Hawlicek oder Hubinek. Und bis heute ist der österreichische Fußball von Namen aus Teilen der ehemaligen Monarchie wie Arnautovic, Dragovic oder Vastic geprägt. David Alaba gibt der Nationalmannschaft sogar einen geopolitischen Anstrich.
Wenn man immer wieder hört „Politik und Sport sollte man doch trennen“, dann ist dies eine falsche Vorstellung von der Wirklichkeit. Denn tatsächlich ist der Sport nicht nur integraler Teil der Gesellschaftspolitik eines jeden Landes, in vielen Ländern war und ist der Sport mehr als Politik, nämlich Teil von „Nation-Building“. Sportliche Leistungen standen immer wieder am Beginn der Nationenwertung eines Staates, sie waren grundlegende Legitimation dafür und blieben dann ein wesentlicher Teil der nationalen Identität.
Finnlands sportliche Identität
Finnland etwa wurde 1917 ein souveräner Staat, nachdem es vorher Teil des Zarenreiches war. Aber schon bei den Olympischen Spielen 1912 in London hatten finnische Athleten die Möglichkeit, sich und ihr Land einer internationalen Öffentlichkeit zu präsentieren. Die großen Erfolge eines Paavo Nurmi (1897-1973), seine neun Goldmedaillen und 24 Weltrekorde trugen dann dazu bei, dass sportliche Leistungen ein integraler Teil der finnischen Identität wurden.
Eine Generation später wurde der Sport ein Teil des Nationalgefühls und des Nationalstolzes, wie etwa von Jamaika. Auch hier war es so, dass größte sportliche Erfolge schon vor der Unabhängigkeit des Landes 1962 erzielt werden konnten. So gelang es der 4 × 100 m Staffel aus Jamaika bei den Olympischen Spielen in Helsinki 1952 jene aus den USA zu bezwingen. Zehn Jahre vor der Unabhängigkeit des Landes waren es diese und weitere sportliche Erfolge, mit denen die Welt dann Jamaika identifizierte.
In der Zeit des Kalten Krieges wurden sportliche Erfolge zum Gradmesser für die Relevanz des jeweiligen politischen Systems hochstilisiert. Insbesondere die Deutsche Demokratische Republik (DDR) hat den Sport zu einem wesentlichen Teil ihrer Legitimität als eigenständiger Staat ausgebaut. Als die Bundesrepublik Deutschland 1954 Fußball-Weltmeister wurde, konnte sich das Land, nach der bedingungslosen Kapitulation 1945, wieder als Teil der internationalen Gemeinschaft fühlen. Ähnliches erlebte Japan, als Tokio zehn Jahre später die Olympischen Spiele durchführen konnte. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus haben dann russische Oligarchen und arabische Scheichs Milliarden investiert, um auf diese Weise durch ihre Fußball-Clubs im Westen salonfähig zu werden.
Der Flugzeugträger USS Kearsarge CVS 33 grüßte 1964 mit seiner Crew Japan anlässlich der Olympiade. Nur knapp 20 Jahre zuvor war man noch im Kriege gegeneinander. © CommonsWikimedia US Navy.
Kroatien hat 1991 seine Unabhängigkeit ausgerufen. Das führte zum Krieg mit Serbien, aber nur wenige Menschen auf der Welt nahmen Notiz vom neuen Staat, nur 4 % nach dem Autor von FC Geopolitics, Kevin Veyssiere. Das änderte sich mit den sportlichen Erfolgen des Landes. Seine Basketball-Mannschaft war bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona äußerst erfolgreich und musste sich nur dem „Dream Team“ der USA mit Michael Jordan und Magic Johnson geschlagen geben. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 konnte Kroatien den dritten Platz erkämpfen und dabei sowohl Deutschland als auch die Niederlande schlagen. Jetzt kannte die Welt Kroatien; seine Spieler wie Davor Suker oder Zvonimir Boban wurden internationale Stars. Als dann drei Jahre später Goran Ivanisevic Wimbledon gewann, war der Ruf Kroatiens als großer Sportnation endgültig erreicht.
Auch heute ist es so, dass Länder und Gebiete, die nicht in der UNO vertreten sind, als Mitglieder der UEFA oder FIFA in Erscheinung treten können. Dort können Sie als „Nationalmannschaft“ auftreten und sich in den eigenen nationalen Farben präsentieren. Beispiele dafür sind Kosovo, Gibraltar oder die Färöer Inseln, gegen die Österreich bereits 1990 eine schmerzliche Niederlage erlitten hat. Über den Sport gelingt es Ländern, ins Rampenlicht der Welt zu treten. So hat Katar verschiedene Weltmeisterschaften organisiert (Schwimmen, Rad, Fußball); Saudi-Arabien hat einige der teuersten Spieler der Welt in seiner Fußball-Liga engagiert; und Peking hat sowohl Olympische Sommerspiele (2008) als auch Olympische Winterspiele (2022) ausgerichtet.
2008 Sommer Olympiade Eröffnungszeremonie in Peking - hier das Team von Malaysia. © CommonsWikimedia.
Persönliche und nationale sportliche Erfolge rufen ein weltweites Echo hervor und haben damit eine globale Ausstrahlung. Ich saß einmal im Flugzeug nach Tokio neben einer Japanerin, die kein Wort Deutsch und auch nur spärlich Englisch sprach. Aber sie kannte die Namen Bayern München, Eintracht Frankfurt und Werder Bremen, sowie jene anderer Bundesliga-Vereine. Es stellte sich heraus, dass die junge Dame nach Deutschland gereist war, um ihre Landsleute in der Bundesliga spielen zu sehen.
Ein Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass die „nationalen“ Fußball-Ligen sehr stark von Spielern geprägt sind, die im Ausland geboren sind oder Migrations-Hintergrund haben. In der deutschen Bundesliga sind es 60 % bis 70 %; in der französischen Ligue 1 hatte in der letzten Saison von den 479 Spielern 299 nicht die französische Staatsbürgerschaft. Und der Präsident des Parlaments von Senegal hat die französische Fußball-Nationalmannschaft überhaupt als eine „Equipe africaine“ bezeichnet. In der Major Ligue Soccer der USA spielen Spieler aus 76 Ländern. Bei der jüngsten Fußball Weltmeisterschaft sind ein Viertel der Spieler für ein Land angetreten, in dem sie nicht geboren sind; bei Haiti und Algerien waren es sogar 61 %; bei der marokkanischen Mannschaft sogar 73 % und bei der Demokratischen Republik Kongo 76 %.
Macht der Sportverbände
Diese globale Ausstrahlung des Sports steht im Einklang mit der globalen Macht internationaler Sportverbände. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) mächtiger ist und mehr beeinflussen kann als viele Staaten: es verleiht Ansehen, Macht und ist, insbesondere aufgrund der Werbeverträge mit großen Konzernen, ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor geworden. Die Tatsache, dass Peking 2008 die Olympischen Spiele ausrichten konnte, war die endgültige Integration Chinas in die Staatengemeinschaft, mehr noch als seine Aufnahme in die Welthandelsorganisation (WTO).
Im Welt-Fußballverband FIFA sind mit 211 Mitgliedern mehr Länder und Gebiete vertreten als in der UNO mit 193 Staaten. Die FIFA verfügt im Zeitraum 2023-2026 über ein Budget von 13 Milliarden US-Dollar. Vor allem organisiert dieser Verband die Fußball- Weltmeisterschaften, das global meistgesehene Sportereignis nach den Olympischen Spielen. Damit werden Millionen Dollar aus Fernsehrechten, Sponsoring und Marketing erzielt. Die FIFA setzt die Regeln für den weltweiten Fußball fest und kann entsprechende Sanktionen verhängen. Dass dabei bei der Verhängung einer „Roten Karte“ selbst der amerikanische Präsident als Bittsteller auftreten muss, zeigt, welchen Einfluss die FIFA hat.
Staaten passen sich FIFA an
Die Macht des Welt-Fußballverbandes ist auch daraus ersichtlich, dass sich Staaten den Wünschen der FIFA anpassen, um Weltmeisterschaften austragen zu können. So hat selbst das Austragungsland Deutschland 2006 Visa-Regelungen, Sicherheitsmaßnahmen und Steuerregeln den Wünschen der FIFA angepasst; Brasilien 2014 ein eigenes „WM- Gesetz“ verabschiedet und Katar 2022 arbeitsrechtliche Reformen eingeführt.
Somit sind wir heute, was den Sport betrifft, mit einem interessanten Paradoxon konfrontiert: einerseits werden nationale Erfolge gefeiert, die sogar einen Beitrag zur nationalen Identität bedeuten; andererseits hat der Sport eine globale Dimension. Fußball ist dafür das beste Beispiel: die Zahl der Teilnehmer ist von der ersten Weltmeisterschaft 1913, an der 13 Nationen mitgewirkt haben, auf 48 Teams bei der jüngsten WM angestiegen. Einerseits feiert man die eigenen nationale Helden, man ist aber auch stolz darauf, wenn diese bei Real Madrid oder Manchester City internationale Anerkennung finden. Bei den WM-Spielen in den USA wurden Wesenszüge des American Football übernommen. Durch die Trink-Pausen wurden aus zwei Halbzeiten vier Viertel, wie beim American Football; und in der Pause spielten die Madonna und Justin Bieber groß auf, was an den Super Bowl erinnert. Damit ist der Sport in der einmaligen Lage, nationale Identität und globale Ausstrahlung miteinander zu verbinden.♦






