Stifters „Bergkristall“ neu gelesen
Geburtstagsjubiläen haben den Sinn einer aktualisierenden Erinnerung. Adalbert Stifter, einem der größten deutschsprachigen Erzähler des 19. Jahrhunderts, steht dies im Jahr seines 220. Geburtstags zu. Das Gedenken sei in jener Jahreszeit vollzogen, die mit Stifter wohl am intensivsten in Verbindung steht: dem Winter. Auch seine bekannteste Erzählung, „Bergkristall“, aus dem Erzählband „Bunte Steine“ von 1853, ist eine Winter- und Weihnachtsgeschichte.
In meinem bayrischen Gymnasium lasen wir Stifters (1805-1868) „Bergkristall“ mit zwölf Jahren, während mein Vater sie tatsächlich bereits in der 3. Klasse Volksschule lesen musste! Beides wohl viel zu früh und signifikant dafür, wie sich Lese- und Bildungsansprüche seitdem geändert haben…
An meiner Schule war „Bergkristall“ damals der bescheidene Tribut an die Nähe zur „Stiftergegend“ im Böhmerwald und die Ortschaft Lackenhäuser am Dreisesselberg, wo der Dichter in späteren Lebensjahren im „Stöckl“ des Rosenbergerhofes gerne Aufenthalt nahm. Übrigens legt ein empfehlenswertes und modernes kleines Stiftermuseum davon Zeugnis ab und lohnt einen Besuch. Auch in der autobiographischen Erzählung „Aus dem bairischen Walde“ setzte der Dichter dem Ort Lackenhäuser ein Denkmal und beschrieb den Jahrhundertschneesturm vom November 1866. Beeindruckt haben mich in dem Text die – nahezu expressionistischen - Wortschöpfungen wie das „Lackenhäuserschneeflirren“.
Nach meiner ersten Lektüre von „Bergkristall“ hatte sich eine gewisse Abneigung in meinem Gedächtnis festgehakt, die lange Zeit durch keinerlei Lesefatalismus zu überwinden war. Genau kann ich es nicht benennen, was mir „Bergkristall“ so trübte. Vielleicht die Fadesse, diesen Schnee-Text stundenlang in mittelmäßigem, lautem Gelese in der Klasse zugeführt zu bekommen? Die unterschiedlichen Kinderstimmen höre ich heute noch, die sich mit charakteristisch dunklem bayrischen „a“ durch die, ihrem Plot nach spannende, durch den radikal deskriptiven Duktus schwierige Geschichte quälten und vieles von dem, was sie zu lesen hatten, hörbar nicht begriffen.
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