Streiten heißt, einen Konsens auszufechten
Der einflussreichste deutsche Philosoph, Jürgen Habermas, ist nicht mehr. Er ist vor wenigen Tagen in Starnberg mit 97 Jahren verstorben. Für mich war er - wie die gesamte Frankfurter Schule - prägend. Und heute, da vor allem Corona und der Krieg in der Ukraine die Gemüter spalten und Gespräche oft nicht mehr möglich sind, ist Habermas mit seiner Theorie der Verständigung aktueller denn je.
Geboren 1929 in Düsseldorf, aufgewachsen in Gummersbach, hat Habermas bereits als kleines Kind Nationalsozialismus und Krieg erlebt und auch viel persönliche Ablehnung. Er wurde mit einer Gaumenspalte geboren, und wenngleich als Säugling daran operiert, blieb er im Gespräch und in Vorträgen schwer verständlich. Über seine Beeinträchtigung durch seine nasale Aussprache hat er in späteren Jahren offen gesprochen und darin einen Anstoß für sein Lebensthema, die sprachliche Kommunikation, erkannt.
Habermas war, wie für Kinder ab zehn Jahren vorgeschrieben, im nationalsozialistischen Jungvolk. 1943, mit 14 Jahren, wurde er als Sanitäter eingeschult, um andere Jugendliche in erster Hilfe zu unterweisen. Die von Hans Joachim Fest vorgebrachte Denunziation, er sei ein „mit allen Fasern seiner Existenz dem Regime verbundener HJ-Führer gewesen“, konnte durch Zeugenaussagen, nicht zuletzt von Hans Ulrich Wehler, öffentlich und nachhaltig dementiert werden. Seine Gaumenspalte war für die Nazis noch ein „Entartungszeichen“.
Sein immer wieder kehrendes Thema war für ihn, der noch 1945 mit 15 Jahren in den Krieg ziehen sollte, die dringliche Frage, wie eine Zivilisation nach der Aufklärung in eine solche Barbarei wie der industriellen Vernichtung der Juden und Zigeuner und der brutalen Verfolgung von Andersdenkenden abgleiten konnte.
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