Vom Überschreiben und der „Wannseekonferenz 2.0“
Metaphern aus der Computersprache beginnen unser politisches Denken zu prägen. So soll der Pazifismus der Deutschen „überschrieben“ werden. Und ein Treffen rechter Aktivisten avanciert gar zur „Wannseekonferenz 2.0“. Die Folge sind autoritäre und ahistorische Verwerfungen.
Die digitale Revolution der letzten Jahrzehnte hat tiefe Spuren in der Sprache hinterlassen. Oft sind es gerade die leichthin gesagten Wendungen im Gespräch, die verraten, wie wir längst Realitäten und Mentalitäten in digitalen Kategorien beurteilen. Ein Beispiel: Eine ZDF-Talksendung widmete sich im April 2025 dem Thema „Müssen wir uns für Krieg rüsten, um Frieden zu sichern?“. Die Moderatorin Caren Miosga fragte den ehemaligen grünen Außenminister Joschka Fischer mit Blick auf Wehrpflicht und Militarisierung der Gesellschaft: „Das liegt nicht in unserer DNA oder lag lange nicht in unserer DNA. Da lag Pazifismus. Wie können wir diesen Code schneller überschreiben?“
An Miosgas Wortwahl ist zweierlei bemerkenswert: die „DNA“ und das „Überschreiben“. Die Metapher der DNA suggeriert, dass der Pazifismus in einer Sphäre angesiedelt ist, die gleichsam den natürlichen Wesenskern der Deutschen ausmacht. Die friedliche Gesinnung ist demnach das, was den Deutschen im Innersten zusammenhält. Eine tiefere Verankerung ist wohl kaum vorstellbar. Nun ist die DNA etwas, das sich ein Mensch nicht durch eigenes Zutun erwirbt oder aneignet.
In Miosgas Sprachwelt ist der Pazifismus also eine Geisteshaltung, die man gleichsam vererbt bekommt wie die Hautfarbe oder die Blutgruppe. Es ist ein Erbgut – und nicht etwa ein Produkt einer politisch-gesellschaftlichen Bewusstwerdung. Man hat das einfach. Und jetzt muss die Politik mit dieser ererbten Plage fertig werden. Wie aber soll die Politik die vom deutschen Verteidigungsminister geforderte „Kriegstüchtigkeit“ erreichen, wenn alle unter einer pazifistischen Erblast leiden? Wie behandelt man diesen genetischen Defekt? Durch ein Überschreiben.
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