
Warum wählen die Bürger rechts?
Die Menschen sind orientierungslos und haben das Vertrauen in die Eliten verloren. Die Deutungsmuster, warum rechte Parteien zulegen, sind zu einfach. Regierung greifen echte Probleme zu wenig auf und Schreckensszenarien vor den Rechten greifen nicht mehr.
Während die AfD kürzlich im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt einen deutlichen Wachstumsschub erhielt, zeigen mittlerweile die Prognosen in Österreich die FPÖ nahe bei 40 Prozent, während Rassemblement National (RN) laut einer Meinungsumfrage in Frankreich bei etwa 36 Prozent liegt.
Laut Umfragen haben sich Fratelli d'Italia in Italien mit rund 27 Prozent stabilisiert, während die niederländische PVV einen deutlichen Meinungsrückgang auf 10 bis12 Prozent verzeichnete. Dabei blieben die PVV-Wähler ihrer ideologischen Strömung „treu“ und wechselten lediglich zu anderen niederländischen rechtspopulistischen Parteien, wie JA21 und FvD.
Dieser Rechtsruck zeigt vor allem eines: Die Zukunftsängste und die Verunsicherung der Europäer in dieser Zeitenwende. Kriege, fragile Bündnisse, die komplexe wirtschaftliche Lage führen dazu, dass die Menschen eine politische Änderung haben wollen – egal, wer diese anführt. Dabei sind die wortgewaltigen rechtspopulistischen Parteien die erste Station auf der Straße der Unzufriedenen. Oftmals werden diese Parteien, da sie selten Regierungsverantwortung haben, nicht als mitschuldig an der Gesamtlage angesehen. So profitieren sie von der politischen Vertrauens- und Repräsentationskrise. Diese dokumentiert sich dadurch, dass sich die Parteien inhaltlich zu stark ähneln und Probleme nicht ernst nehmen. Aus dem Grund positionieren sich die Rechtspopulisten als Alternative zu den Systemparteien. Das Europäische Parlament nennt diesen Faktor „Protestwahl“ ausdrücklich in seiner Analyse der Europawahl 2024.
Probleme Migration, innere Sicherheit
Das wäre aber als Erklärung zu einfach. Denn sie nehmen Themen auf und sprechen Probleme an, wie etwa die Migrationsthematik. Wenn also Migration, Abschiebungen, nationale Identität und innere Sicherheit dauerhaft die politische Diskussion dominieren, profitieren Parteien, die auf diesen Feldern bereits eine klare Positionierung besitzen. Gleichzeitig übernehmen etablierte Mitte-rechts- und teilweise Mitte-links-Parteien inzwischen Positionen, die vor zehn Jahren deutlich härter gewirkt hätten. Diese Entwicklung war auch 2025 europaweit zu beobachten. Unterstützt wird diese Entwicklung von den sozialen Medien. Erwiesenermaßen funktionieren emotionalisierende Inhalte – Empörung, Bedrohung, Kriminalitätsfälle, Migration –auf sozialen Plattformen besonders gut. Dies ist eine Entwicklung, die rechtspopulistischen Parteien sehr entgegenkommt. Dabei wird die Migration mit anderen Themen verbunden: Wohnraum, Kriminalität, Sozialstaat, kulturelle Identität und Kontrollverlust des Staates. Das persönliche Sicherheitsbedürfnis wird in Folge mit wirtschaftlicher Unsicherheit verbunden.
Wirtschaftliche Krise
In einem Artikel hält die renommierte Cambridge University fest, dass wirtschaftliche Unsicherheit diesen Effekt verstärkt. Inflation, hohe Wohnkosten, stagnierende Realeinkommen, Energiepreise oder die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz erzeugen nicht automatisch rechte Wähler. Sie schaffen aber ein Umfeld, in dem Botschaften wie „Die Regierung kümmert sich um andere, aber nicht um euch“ leichter funktionieren. Die Kombination aus ökonomischer Unsicherheit und kulturellem Konflikt ist politisch besonders wirksam.
Im Gegensatz dazu, reagieren die Regierungsparteien oftmals völlig verunsichert. Sie sprechen andauernd über die rechtspopulistische Konkurrenz, anstatt sich auf die Bedürfnisse der Menschen zu fokussieren. Dadurch stärken sie das Protestwählerklientel. Durch andauernde Erzählungen über Risikopotentiale einer rechtspopulistischen Regierung stumpfen die Menschen ab und interessieren sich nur mehr mäßig dafür. Das Bedürfnis nach Veränderung ist so groß, dass Schreckensszenarien anderer Parteien beim Großteil der Bevölkerung nicht mehr greifen.
Rekordhalterin Meloni
Erinnern wir uns zurück, als Giorgia Meloni und ihre Fratelli d’Italia (FdI) die italienische Parlamentswahl im September 2022 gewannen. Medien und Politiker verfielen in einen Alarmismus: Gefahr für Demokratie und Rechtsstaat, Dauerkonfrontation mit der EU, Annäherung an Russland und vieles mehr unterstellten „Politexperten“ der kommenden italienischen Regierung. Nichts von den Unterstellungen ist eingetreten. Realität ist, dass Meloni im September den italienischen Amtszeitrekord gebrochen und auch international an Beliebtheit gewonnen hat. Eine länderübergreifende EUROSCOPE-Umfrage vom Februar 2026 mit 5.273 Befragten fragte nach der Meinung über führende europäische Politiker. Das Ergebnis: Meloni auf Platz zwei.
Giorgia Meloni wirkte im Januar 2026 auf Staatsbesuch in Japan - an ihrem 49. Geburtstag - sehr souverän. © Commons Cabinet, Public Affairs Office Japan.
Genau solche Rendezvous mit der Realität nutzen den rechtspopulistischen Parteien. Denn die Wähler vertrauen der öffentlichen Meinung aufgrund der Panikmache nicht mehr. Durch diese Art der Kommunikation haben die Gegner ein Phänomen befeuert: Reaktanz. Reaktanz ist ein psychologischer Effekt: Menschen reagieren mit Widerstand, wenn sie den Eindruck haben, dass ihre Freiheit, selbst zu entscheiden oder sich eine eigene Meinung zu bilden, eingeschränkt wird. Politisch ist das besonders interessant. Wenn Medien, Parteien oder gesellschaftliche Autoritäten sehr stark vermitteln: „Diese Partei darf man keinesfalls wählen“, kann das bei manchen Menschen den gegenteiligen Effekt auslösen. Genau das zeigt sich auch bei der sogenannten Brandmauer: Je lauter man ausschließt, desto stärker wird für viele Wähler der Reiz, genau das Ausgeschlossene zu wählen. Statt Zustimmung zu verhindern, erzeugt die Brandmauer Solidarisierung mit dem vermeintlichen Underdog – und liefert den Rechtspopulisten obendrein die Erzählung, das „System" wolle den Willen der Bürger unterdrücken. Der Ausschluss wirkt so nicht als Schutzwall, sondern als Verstärker.
Wähler der Rechtspopulisten als Nazis zu bezeichnen, ist jedenfalls falsch. Es sind größtenteils Menschen, die einfach eine Änderung wollen. Und durch die oftmalige Verwendung der nationalsozialistischen Unterstellung, stumpft dieser Vorwurf ab. Eines ist jedenfalls klar: Eine rechtspopulistische Regierung erzeugt heute bei vielen Menschen wesentlich weniger Kopfweh als noch vor einigen Jahren.♦

Bernhard Krumpel
Mag. Bernhard Krumpel ist seit rund 13 Jahren selbständiger Kommunikationsexperte in Wien und Gerichtssachverständiger für Medien und Public Relations. Er unterrichtet nebenberuflich an der Webster Private University Vienna „Global Strategic Communication Campaigns“, der FH St. Pölten „Spezialgebiete der Public-Relations“ und am FH Campus Wien „Politische Public-Relations“. Er war in diversen Führungspositionen u. a. bei Motorola, Novomatic AG und der HYPO NOE Gruppe Bank AG tätig.





