Was bringt das Kopftuchverbot an Schulen?
Die einen verweisen auf Religionsfreiheit und kritisieren Diskriminierung. Für die anderen ist die islamische Kopfbedeckung ein rotes Tuch und obendrein ein Symbol der Unterdrückung und Frühsexualisierung von Mädchen. Schlüssige Argumente gibt es sowohl für als auch gegen ein Verbot des Hijab.
„Wir gehen jetzt hinüber auf einen Gang, wo mehr Klassen sind und schauen mal, was sich so in der Pause tut.“ An diesem Donnerstag, kurz vor neun Uhr, tut sich so einiges an der Franz Jonas Europaschule in Wien Floridsdorf. Christian Klar ist hier Direktor. Das merkt man auch an den Reaktionen der Kinder. Etwas eingeschüchtert wirken sie, aber zugleich auch sehr neugierig und aufgeweckt. Sofort bilden sie eine Traube um uns. Einige Mädchen tragen ein Kopftuch – aber bei weitem nicht alle.
Insgesamt 400 Schülerinnen und Schüler besuchen diese öffentliche Mittelschule. 90 Prozent davon hätten Migrationshintergrund, berichtet Christian Klar und schlägt vor: „Wir können auch in eine Klasse reinschauen.“ Dort, in einer 1. Klasse Mittelschule, tragen drei Mädchen Kopftuch – im Fachjargon: einen Hijab – zwei davon zusätzlich eine Abaja, also ein bodenlanges Überkleid.
Während wir weiter in Christian Klars Büro wandern, sagt er: Diese drei Mädchen wären von dem geplanten Verbot betroffen, denn „die waren ganz sicher unter 14 Jahre alt. Das Problem existiert und das Problem wird tatsächlich immer größer.“
Immer mehr junge Mädchen tragen es
Das meint auch die aktuelle Bundesregierung, bestehend aus ÖVP, SPÖ sowie Neos, und hat daher ein neues Regelwerk auf Schiene gebracht: „Bundesgesetz zur Stärkung der Selbstbestimmung von unmündigen Mädchen an Schulen mittels Einführung eines Kopftuchverbots“, lautet sein sperriger Titel. Gemäß diesem soll künftig gelten: ob dezent oder vollverhüllt – muslimischen Mädchen wird das Kopftuch an Schulen bis zum Alter von 14 Jahren untersagt sein. Laut Fahrplan der Dreierkoalition, wird das Verbot ab dem Schulstart im September 2026 sanktioniert – wobei Aufklärung vor Strafe stehen soll.
Zunächst würden die Eltern zu Gesprächen in die Schule und die Bildungsdirektion gebeten – erst wenn all das nicht fruchte, seien Geldbußen von bis zu 800 Euro vorgesehen, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. Direkten Fragen der Journalistin wollten sich weder Integrationsministerin Claudia Plakolm noch Bildungsminister Christoph Wiederkehr stellen.

Christian Klar, Direktor einer Mittelschule in Wien-Floridsforf. © Christian Klar.
Christian Klar zeigt sich auskunftsfreudiger. Wobei „Freude“ eigentlich der falsche Begriff ist, denn der Schuldirektor ist vielmehr besorgt. Seine diesbezüglichen Gedanken hat er auch in seinem Buch „Was ist los in unseren Schulen?“ niedergeschrieben. Etwa die Hälfte seiner muslimischen Schülerinnen trage das Kopftuch – einige setzen es bereits im Alter von 10 Jahren auf, erzählt Klar. Sobald das Verbot kommt, müssten es wohl insgesamt 40 der unter 14-jährigen Mädchen ablegen, schätzt der Direktor für seine Mittelschule.
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