Wem können wir noch vertrauen?
Das Vertrauen in staatliche Institutionen und Politiker schwindet rasant. Doch ohne Vertrauen kann ein Gemeinwesen nicht funktionieren, es würde repressiv. In einer säkularisierten Welt hat man vergessen, worauf Vertrauen fußt, meinen Religionsphilosophen: auf gemeinsamen Werten und einer gemeinsamen, letztlich christlich inspirierten Kultur.
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Das Vertrauen der Bürger in staatliche Institutionen in Europa schwindet. So etwa haben nur 10 Prozent der Deutschen Vertrauen in politische Parteien und nur 19 Prozent in die aktuelle Bundesregierung. Dies ergab eine repräsentative Umfrage „Policy matters“ im Auftrag der Körber-Stiftung aus 2025.
Mehr als die Hälfte der Befragten haben nur ein geringes Vertrauen in die Demokratie generell. Auch die Medien schneiden mit nur 21 Prozent Vertrauen schlecht ab. In Österreich sehen die Werte ähnlich aus. Auffallend ist, dass die Werte seit Jahren beständig sinken, und die jüngsten Krisen werden wohl nicht dazu führen, dass sie 2026 wieder steigen.
Autoritärer Charakter
Doch was bedeutet dieser massive Vertrauensverlust? Ob Politik, Staat, Wirtschaft oder privates Umfeld: „Ohne Vertrauen kann ein Gemeinwesen nicht funktionieren, ohne autoritären Charakter anzunehmen“, meint der Philosoph Sebastian Ostritsch. Er ist Privatdozent an der Universität Heidelberg und hat sich unter anderem intensiv mit Hegel, Thomas von Aquin und Ethik beschäftigt. Laut Ostritsch bestehe die Gefahr, dass der Staat auf eine Vertrauenskrise mit repressiv-autoritären Mitteln reagiert. „Und das verstärkt die Vertrauenskrise noch mehr.“
Das Vertrauen der Bürger in Institutionen sei jedoch unerlässlich. Doch diese seien nur ein Ersatz, denn Menschen definieren sich über Beziehungen: als Vater, Mutter, in ihrer beruflichen Position, Nationalität – all dies seien konkrete soziale Rollen und Zugehörigkeiten. Die „Gesellschaft“ ist hingegen abstrakt.
Sebastian Ostritsch © René Schnitz.
Institutionen müssen sich wie Personen das Vertrauen der Menschen erarbeiten, sie müssen es rechtfertigen und immer wieder neu beweisen, dass sie vertrauenswürdig sind. So etwa muss man sich darauf verlassen können, dass der Rechtsstaat funktioniert und nicht Politiker oder Reiche anders beurteilt werden als Durchschnittsbürger; dass Entscheidungsträger unbestechlich sind; Politiker müssen das Vertrauen rechtfertigen, indem sie nach der Wahl das tun, was sie zuvor versprochen haben; dass sie zum Vorteil der Bürger und des Landes arbeiten und nicht nur zu ihrem eigenen oder dem ihrer Unterstützer. Es geht noch weiter: Wenn man im Straßenverkehr unterwegs ist, muss man darauf vertrauen, dass sich alle an die Verkehrsregeln halten und bei einer roten Ampel anhalten. „Im Straßenverkehr gibt es sogar explizit den Vertrauensgrundsatz“, betont Ostritsch.
Was tun gegen Vertrauensschwund?
Was also tun? Der Mangel an Vertrauen lasse sich nicht auf direktem politischem Weg lösen, sondern nur auf einer vorpolitischen Ebene. Doch worauf fußt dieses Vertrauen? Es braucht von allen respektierte und gelebte gemeinsame Werte, eine gemeinsame Kultur. Und Träger dieser Kultur und dieser Werte in Europa ist nach Ansicht des Philosophen vor allem das Christentum. Der freiheitliche Rechtsstaat etwa sei ein Kind des Christentums. Ergänzen kann man ebenso den Sozialstaat – der Solidaritätsgedanke für den Armen, Schwachen und Benachteiligten ist zutiefst christlich. „Das christliche Gemeinwesen ist Mittel und Ausweg“, so Ostritsch. Dieses dürfe jedoch nicht instrumentalisiert werden im politischen Sinn, sondern müsse aus sich heraus wirksam werden.
Durch die Säkularisierung schwindet jedoch dieses gemeinsame Fundament, ja mehr noch, es wird zunehmend bewusst zerstört. Als ein Beispiel nennt Ostritsch die Kulturpolitik. Dazu kamen der Individualismus und das Anspruchsdenken. Der Staat soll alles regeln, die individuelle Verantwortung wird abgelehnt. „Es besteht geradezu eine Sehnsucht nach Vorgaben“, so der Theologe. Und nun, in der Krise, folgt die Enttäuschung: Auf ein Übermaß an Vertrauen in Institutionen folgt der massive Vertrauensverlust.
Folgen bis hin zur Staatskrise
„In gesunden Gesellschaften werden Institutionen nicht als hemmend empfunden, sondern für die Verwirklichung der Freiheit. Nur dann werden Individuen den Institutionen vertrauen.“ Schwindendes Vertrauen hingegen, eine Vertrauenskrise in Institutionen könne sich in eine Institutionenkrise bis hin zu einer Staatskrise auswachsen. „Wenn jedoch Institutionen das Gemeinwohl aus den Augen verlieren, ist Misstrauen der Bürger angebracht, bis hin zur Selbstkorrektur.“
Zu viel Vertrauen sei jedoch naiv, etwa in Regierungen oder Personen. Gar kein Vertrauen zu haben, münde in Misstrauen – und dieses wirke zerstörerisch. „Vertrauen ist nur dann eine Tugend, wenn man Extreme meidet.“ Rechtes Vertrauen müsse somit trainiert werden.
Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. © CommonsWikimedia, Christliches Medienmagazin.
Ähnlich differenziert sieht es die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. „Wir leben in einem Zwiespalt, in einem Widerstand gegen das Vertrauen.“ Dieser äußere sich etwa in Kritik und Selbstkritik. Man vertraut nicht zuerst, dass es gut geht, sondern hat Zweifel. „Wir können auch nicht blind vertrauen, sondern reflektieren.“ Und letztlich gibt es noch die Angst als Gegenposition zum Vertrauen.
Der Zweifel begleitet uns, er gehört zur Ratio, zur Vernunft, die zu Beobachtung und Korrektur führt. Man prüft die Einwände gegen das Vertrauen. „Wenn der Zweifel bestanden wird, ist das Vertrauen noch größer und besser“, so die Philosophin. Dazu gehören auch die Glaubenszweifel, meint Gerl-Falkovitz. Wenn allerdings der Zweifel eine Grundhaltung ist, dann wird er zur Gefährdung. Somit sei man, wie es Kierkegaard ausdrückte, verfangen im eigenen Unglück. Dann wolle man sich selbst austauschen, fühle sich im falschen Körper und ähnliche Phänomene. „Ich bin verzweifelt, weil ich nicht ich selbst sein will.“
Angst nimmt zu
Dazu kommt noch die Angst. Angststörungen nehmen derzeit massiv zu. Die deutsche Krankenkasse etwa verzeichnet einen Anstieg seit 2008 von gleich 77 Prozent bei den Diagnosen. Rechnet man diese hoch, kommt man auf 5,5 Millionen Deutsche mit einer Angststörung als Diagnose. Besonders gestiegen ist diese bei jungen Menschen.
Die Gründe sind vielfältig, viele haben mit akuten Krisen zu tun, doch gibt es grundlegende Ängste des Menschen. „Die Daseinsangst hindert uns am Vertrauen“, sagt die Religionsphilosophin. Die Angst vor der Endlichkeit begleitet uns lebenslang. Dazu kommt die Angst vor dem Versagen, vor Schuld. „Diese ist sehr tief, vor allem wenn man heute nicht mehr über Schuld spricht.“ Der Umgang mit Schuld und Angst ist ein zentrales Thema der Religion. Die Angst des Atheisten hingegen sei, ob es das Leben überhaupt gut mit ihm meint.
Der Mensch ist ein Beziehungswesen. Daher braucht es ein Grundvertrauen, dass der andere mir prinzipiell nicht schaden will. Vertrauen gehe in einer künstlichen Welt verloren, wenn Beziehung vorrangig über soziale Medien gelebt werde. Es sei eine technische Ersatzwelt, die uns anlüge, es seien Kulissen, „Pseudos“ voller Lügen, meint Gerl-Falkovitz.
Ich traue mich
Vertrauen sei auch ein Wagnis. So wie man bei der Eheschließung „sich traut“. Man kann auch enttäuscht werden, es gibt keine Sicherheit. Vertrauen fordert die Treue des Anderen heraus. Somit braucht es ein Urvertrauen, wie jenes des Kindes, denn ohne Vertrauen würde es uns nicht geben. „Leben vertraut darauf, dass es leben darf, ohne Zweck, aber sinnvoll und gerichtet.“ Das zeigt sich auch im Liebesverhältnis, es ist zweckfrei. „Leben ohne Liebe in einer Beziehung führt zu Sinnverlust und Verlust des Selbstwerts.“
Vertrauen hingegen steht gegen die Angst. Es ist eine performative Handlung. „Im Vertrauen geschieht das, was ich dem anderen zutraue“. Und umgekehrt: Jemand, der mir traut, verpflichtet mich. Das zeige sich auch im Transzendenten. „Göttliches Vertrauen setzt Glauben voraus: Ich werde nicht ganz sterben. Gott hält die Treue.“ Somit wird die Angst vor der Endlichkeit und vor dem Dämonischen genommen. Gerl-Falkovitz: „Letztlich wird alles gut, auch das, was zunächst nicht danach aussieht.“ Das ist auch die Botschaft von Ostern.♦