Wenn niemand mehr sprechen will
Der Debattenraum wird zusehends kleiner. Über vielen Gesprächen liegt eine eigentümliche Spannung: die Angst, in einen falschen Zusammenhang zu geraten, missverstanden zu werden oder nach Veröffentlichung sozial unter Druck zu geraten oder gar geächtet zu werden. Erfahrungen aus der (journalistischen) Praxis.
Oft beginnt es mit einem Satz: „Können Sie mir den Artikel vor der Veröffentlichung schicken?“ Es gehört zum guten Ton im Journalismus, Gesprächspartnern die Möglichkeit zu geben, Zitate gegenzulesen. Wenn sich jemand in Rage geredet hat, Fakten falsch im Kopf hatte oder während des Gesprächs besonders aufgeregt war, sollte es die Möglichkeit geben, gegenzusteuern. Indem man anruft, Informationen klarstellt oder sich anders ausdrückt.
Oft sind aber es nicht nur einzelne Zitate, sondern der gesamte Text, der verlangt wird. Es wird die Überschrift geändert, der Ton verändert und Zitate angepasst. Manche Interviewpartner möchten sogar einzelne Formulierungen umschreiben oder Passagen ganz streichen. Andere sagen Gespräche kurzfristig ab, obwohl sie ursprünglich bereit waren, öffentlich Stellung zu beziehen. Wieder andere antworten nur noch unter der Bedingung vollständiger Anonymität – selbst bei Themen, die vor wenigen Jahren nicht riskant galten.
Harmlose Fragen verweigert
Wünschen sich die Menschen mehr Möglichkeiten, rund um ihr Zuhause einkaufen zu gehen? Reicht ihnen die Versorgung vor Ort? Mit dieser Frage zog ich vor Kurzem durchs Land – auf der Suche nach Gesprächspartnern, die mir ihre Wünsche auf diese (auf den ersten Blick) banal erscheinende Frage mitteilen würden. Die Reaktion: Ich solle „bloß nicht zitieren“, dass sie sich längere Öffnungszeiten wünschen, an ein Foto oder den Namen in der Zeitung war gar nicht erst zu denken.
An insgesamt drei Tagen wählte ich unterschiedliche Ansätze, verschiedene Formulierungen, setzte mein vertrauenerweckendstes Lächeln auf und sprach von meinen eigenen Erfahrungen: Die Reportage stand kurz vor dem Scheitern, bis ich endlich eine Handvoll Gesprächspartner zusammenhatte, die sich zitieren und ablichten ließen.
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