
Wie weit kann sich Kanada der EU annähern?
Die Beziehungen zwischen Kanada und Europa waren stets gut, das Land hatte eine Sonderstellung. Dennoch sollte eine Annäherung an die EU nicht aus einer Trotzreaktion gegen die Politik des derzeitigen US-Präsidenten heraus angestrebt werden.
Da die Auseinandersetzungen zwischen Kanada und den USA in den letzten Wochen zu einem echten Handelskrieg geführt haben, sind Stimmen laut geworden, dass es nunmehr an der Zeit wäre, Kanada und die Europäische Union würden näher zusammenrücken. Diese Überlegung ist nicht unbegründet. Als österreichischer Botschafter in Kanada habe ich schon vor über 20 Jahren eine Broschüre mit dem Titel „Kanada – ein Land zwischen den Welten“ geschrieben. Den Titel habe ich damit begründet, dass Kanada seinem Wesen nach ein europäischer Staat auf dem amerikanischen Kontinent ist.
Kanada blieb lange nach der Unabhängigkeitserklärung der 13 Kolonien vor 250 Jahren noch Teil von Britisch Nordamerika. Ein Bruch mit England hat nie stattgefunden. In den Ersten Weltkrieg ist Kanada noch nach einem Beschluss des britischen Parlaments eingetreten. Beim Eintritt in den Zweiten Weltkrieg wurde ein eigener Beschluss 14 Tage nach dem englischen Parlament gefasst. Auch heute ist der englische König Staatsoberhaupt des Landes. Mein Beglaubigungsschreiben als österreichischer Botschafter damals war an Königin Elisabeth II adressiert.
Sonderstellung Kanadas
Wesentlich für die kanadische Sonderstellung war zunächst der französische Einfluss in weiten Teilen des Landes. Dieser blieb auch bestehen, nachdem Frankreich im Siebenjährigen Krieg, als Verbündeter Österreichs, die Herrschaft über die Provinz Quebec verloren hatte. Invasionsversuche der USA konnten mehrfach abgewehrt werden. Schon Benjamin Franklin, der ausgedehnte Besitzungen in Nova Scotia hatte, wollte alle englischen Kolonien in Nordamerika den Vereinigten Staaten einverleiben. Im Britisch-Amerikanischen Krieg von 1812-1815 marschierten US-Truppen von mehreren Seiten in Ober- und Unter-Kanada ein. Die kanadisch-britischen Kräfte konnten die Invasion zurückschlagen und haben im Laufe des Krieges sogar das Weiße Haus in Washington angezündet. Auch später gab es US- Geheimpläne, die Macht der USA über Kanada auszudehnen, wie etwa den „War Plan red“ aus dem Jahre 1927.
Freundschaftliche Beziehungen
Tatsächlich haben sich die kanadisch-amerikanischen Beziehungen im 20. Jahrhundert äußerst freundschaftlich entwickelt, nachdem die 8892 km lange Grenze 1908 einvernehmlich festgelegt worden war. Man kämpfte in beiden Weltkriegen Seite an Seite; Kanada wurde 1949 Gründungsmitglied der NATO; beide Länder haben ein gemeinsames Luftkommando eingerichtet. Präsident John F. Kennedy erklärte 1961 in einer Rede vor dem Parlament in Ottawa: „Those whom nature hath so joined together, let no man put asunder“. 1994 ist die Nordamerikanische Freihandelszone (NAFTA) zwischen den USA, Kanada und Mexiko in Kraft getreten. Die wirtschaftlichen Verflechtungen zu den USA wurden so stark, dass in manchen Jahren 87 % der kanadischen Exporte zum südlichen Nachbarn gingen.
Quebec wirkt wie eine Stadt in Frankreich. © 123RF Bildagentur, Mac Bruxelle.
Natürlich gab es immer wieder auch Konflikte. So warfen die USA den Kanadiern regelmäßig vor, ihre Holzexporte staatlich zu subventionieren, was die amerikanischen Waldbesitzer benachteiligen würde. Präsident Richard Nixon nannte den kanadischen Ministerpräsidenten Trudeau (Vater) einmal „Son of a bitch“; worauf dieser erwidert: „I have been called worse things by better people“. In letzter Zeit war der kanadische Nationalstolz besonders gefordert, als Präsident Donald Trump erklärte, Kanada sollte der 51. Bundesstaat der USA werden. Als dann Trump Maßnahmen „gegen die unfairen Handelspraktiken Kanadas“ ergriff und der kanadische Ministerpräsident mit Zöllen auf US- Importe im Wert von $ 20 Milliarden antwortete, kam es zum offenen Handelskrieg.
Trotzreaktion falsch
Es wäre nun falsch, würden Österreich und die EU als Trotzreaktion gegen Trump die Beziehungen mit Kanada neu ausrichten. Es ist schon höchst eigenartig, dass Kanada und China plötzlich eine „strategische Partnerschaft“ vereinbart haben, wo die Kanadier noch vor nicht allzulanger Zeit die Finanzchefin von Huawei, Meng Wanzhou, auf US- Geheiß unter einem fadenscheinigen Vorwand eingesperrt haben. Man sollte sich hingegen grundsätzlich überlegen, wie die Beziehungen zu Kanada intensiviert werden könnten.
Handelsabkommen CETA
Heute gibt es zwischen der EU und Kanada bereits ein Handelsabkommen. (CETA-Comprehensive Economic and Trade Agreement). Es wurde 2016 unterzeichnet; 98 % der Zölle und der anderen Handelshemmnisse wurden bereits abgeschafft. Aber zehn EU- Mitgliedsstaaten haben das Abkommen immer noch nicht ratifiziert. Umstritten sind nach wie vor die Rechte der ausländischen Investoren; es geht um Standards bei Lebensmitteln; sowie um Normen im Gesundheits- und Umweltbereich.
Im beiderseitigen Interesse sollte es aber möglich sein, etwa den Studentenaustausch zu intensivieren, die Zusammenarbeit in Bereichen Wissenschaft und Forschung, KI eingeschlossen, auszubauen. Kanada ist in vieler Hinsicht ein beeindruckendes Land. Gerade in der Auseinandersetzung mit dem südlichen Nachbarn demonstrieren kanadische Intellektuelle immer wieder ihre patriotische Haltung. Das trägt sicherlich auch dazu bei, dass Kanada heute in der Welt ein hohes Ansehen genießt, dass Weltoffenheit und Patriotismus keine Gegensätze sein müssen. In diesem Sinne könnten wir unsere Zukunft ausrichten.♦






