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Zwei Kinder in Syrien vor Trümmern
Leben und Überleben in Krieg und Zerstörung. © Luca Steinmann.

„Zerbrochene Träume in einem zerrissenen Land!“

Nach dem Sturz Assads gab es Hoffnung auf Besserung der Lage in Syrien. Diese ist bei vielen in der Region jedoch wieder verflogen. Eine Analyse und ein Erlebnisbericht eines Kriegsreporters.

Luca Steinmann | Politik | 05. Dezember 2025

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Als vor einem Jahr das syrische Regime von Baschar al-Assad zusammenbrach, zeigten Fernsehsender weltweit Bilder von Zehntausenden jubelnden Syrern. Diese Aufnahmen spiegelten die Stimmung eines Teils der Bevölkerung wider – sowohl im Land als auch im Ausland –, jedoch nicht die Emotionen aller. Neben den Feiernden füllten sich die Straßen mit Menschen und Fahrzeugen, die panisch vor den vorrückenden dschihadistischen Milizen flohen, die die vom Regime aufgegebenen Gebiete übernahmen.

Hinter dem Jubel der einen verbarg sich die Angst der anderen – jener Syrer, die mit dem Assad-Regime kollaboriert hatten oder die die neuen Machthaber noch mehr fürchteten als Assad. Dies verweist auf die tiefe Spaltung der syrischen Gesellschaft, die durch den Krieg entstanden ist und sich durch den Krieg weiter verschärft hat. Ein Jahr später, nach den jüngsten Massakern, tritt diese Spaltung noch deutlicher zutage. Es stellt sich die Frage, ob Syrien jemals wieder soziale Einheit finden kann. Ohne Versöhnung droht dem Land ein erneuter Absturz in Gewalt und Krieg.

Im vergangenen Jahrzehnt bin ich ausgiebig durch das kriegszerrissene Syrien und dessen Nachbarländer gereist – sowohl in Gebiete, die vom Regime kontrolliert wurden, als auch in solche unter oppositioneller Kontrolle. Ich lebte unter Kämpfern, Vertriebenen, Informanten, Menschen, die unter Bombenhagel ums Überleben kämpften, Neugeborenen zwischen Trümmern, Terroristen und Opfern der Grausamkeiten des Regimes. Ebenso begegnete ich jenen, die durch westliche Sanktionen in bittere Armut gedrängt wurden. Bei jeder Rückkehr traf ich Bekannte wieder und sah, wie sich ihr Leben unter dem Druck der anhaltenden Tragödien veränderte. Ich habe erlebt, wie die syrische Gesellschaft – oder zumindest der Teil, den ich kennenlernen konnte – sich wandelte und spaltete.

Heftige Kämpfe in Damaskus

Als ich 2017 erstmals in Damaskus ankam, tobten dort heftige Kämpfe. Kaum eingereist, wurde ich von Mörsergranaten empfangen, abgeschossen aus benachbarten Vierteln, die von Dschihadisten gehalten wurden, während die Umgebung, in der ich mich befand, unter der Kontrolle von Assads Truppen stand. Damaskus glich einem Schachbrett aus Stadtteilen, die von unterschiedlichen bewaffneten Gruppen beherrscht wurden – teils regimetreu, teils oppositionell, oft untereinander verfeindet. Am Stadtrand erhob sich der prunkvolle Präsidentenpalast, von dem aus Assad angeblich das Geschehen auf den Straßen überwachte.

In der Stadt lernte ich Rami kennen, zunächst als Fahrer und Übersetzer, später als engen Freund. 2011 war er voller Hoffnung auf Demokratie auf die Straße gegangen. „Doch bald musste ich den Demonstrationen fernbleiben“, erzählte er mir. „Sie wurden zunehmend von islamistischen Gruppen dominiert, die gegen religiöse Minderheiten hetzten und täglich mehr Waffen erhielten. Aus Demonstranten wurden Kämpfer. Das hatte nichts mehr mit Freiheit zu tun.“

Vater mit Kindern Syrien Lucas Steinmann webDer Alltag ist nicht leicht in Syrien. © Luca Steinmann.

Diese Gruppen übernahmen große Gebiete, die das Regime daraufhin flächendeckend bombardierte, wodurch Zehntausende Zivilisten starben. Viele flohen nicht nur vor Assads Bomben, sondern auch vor den Übergriffen der Islamisten, die die strenge Auslegungen der Scharia durchsetzten und religiöse Minderheiten brutal verfolgten. Teile der Bevölkerung suchten Schutz beim Regime und unterstützten es, andere akzeptierten die Rebellen. Die syrische Gesellschaft spaltete sich tief, und diese Spaltungen haben sich durch den Krieg weiter verschärft.

Spitzel als Begleiter

Bei jedem meiner Aufenthalte wurde ich vom Regime gezwungen, mich von angeblichen Übersetzern begleiten zu lassen – in Wahrheit Spitzel. Ich zahlte ihnen großzügig Geld, damit sie mich in Ruhe ließen, und reiste dann mit Rami allein durchs Kriegsgebiet. Wir sahen vieles: die vom Regime zerbombten Viertel von Damaskus, die von Rebellen profanierten Kirchen in Maalula, russische Luftangriffe auf die Jihadisten von Idlib, Plünderer, die die Häuser der Geflohenen ausräumten, Grabenkämpfe und die Verwüstung von Palmyra, deren antike Ruinen vom Blut der Opfer des IS gezeichnet waren.

In meinen ersten Jahren vor Ort befand sich Assad auf der Siegerstraße. Seine Macht beruhte zudem auf der Zustimmung eines Teils der Bevölkerung, die angesichts des aufkommenden Dschihadismus das Regime bevorzugte. Einige unterstützten ihn aktiv, andere aus Kalkül oder weil sie ihn den Islamisten vorzogen oder mit ihnen mehr zu verlieren hatten.

Flucht ins Ausland vor Jihadisten

Viele, die nicht unter Assad leben wollten, flohen ins Ausland oder schlossen sich den Jihadisten in Idlib an, wo Mohammed al-Julani – ehemaliger Chef der syrischen Al-Qaida – mit Unterstützung der Türkei einen Parallelstaat nach Scharia-Recht errichtete. In den vom Regime gehaltenen Gebieten herrschte eine vorsichtige Hoffnung – nicht bei allen, aber bei vielen –, dass ein einigermaßen friedliches Leben wieder möglich sein könnte. Assad hatte damals die Chance, die sozialen Gräben zu überbrücken, doch diese Hoffnung sollte sich selten erfüllen.

Rami gehörte zu jenen, die damals noch Hoffnung hatten und dem Regime zumindest zögerlich positiv gegenüberstanden. Doch Reise um Reise sah ich, wie diese Hoffnung bei ihm – wie bei vielen anderen – verblasste. Die Ernüchterung setzte ein, als ab 2019 die Kämpfe vorübergehend abflauten und viele Menschen in den vom Regime kontrollierten, weitgehend zerstörten Gebieten wieder einen Alltag aufbauen wollten. „Wir dachten, das Schlimmste liege hinter uns“, sagte Rami eines Tages. „Aber jetzt ist es für viele schlimmer als zuvor.“

Historische Bauten Syrien Lucas Steinmann webHistorische Bauten in Syrien und eine enorme Zerstörung waren die Folgen des Krieges. © Luca Steinmann.
Das Leben zwischen Trümmern war erbarmungslos: Wasser und Strom waren knapp, die Wirtschaft lag am Boden, erschwert durch die schrittweise verschärften westlichen Sanktionen, die offiziell das Regime treffen sollten – tatsächlich aber die ohnehin ausgelaugte Bevölkerung in Hunger stürzten. Laut UNICEF lebten in diesen Jahren rund 90 Prozent der Syrer unter der Armutsgrenze und hatten kaum Zugang zu Lebensmitteln, Medikamenten oder anderen lebenswichtigen Gütern.

Sanktionen und Erpressung

Während Assad abgeschottet im Präsidentenpalast residierte, lastete das Gewicht der Sanktionen auf der Bevölkerung, die zusätzlich von Sicherheitskräften erpresst wurde. Geschäftsleute mussten erfundene Steuern zahlen – Schutzgelderpressung im Staatsgewand. 2023 traf ich in Aleppo den Händler Mohamed, der sein zerstörtes Geschäft wieder eröffnen wollte. Doch die Beamten des Regimes legten ihm derart hohe Forderungen auf, dass er erneut schließen musste. Der Staat, in den viele ihre Hoffnungen gesetzt hatten, offenbarte sich als mafiöse Struktur, die – zusammen mit den Sanktionen – die Bevölkerung in ein Leben der Hölle stürzte.

Sturz Assads gefeiert

So kam es, dass unter denen, die den Sturz des Regimes feierten, auch viele waren, die es bis vor Kurzem noch unterstützt hatten und sich nun – aus Ernüchterung oder Opportunismus – an die Seite der aus Idlib heranrückenden Dschihadisten stellten. Anders als in früheren Jahren wurde der religiöse Extremismus der Jihadisten von vielen als das kleinere Übel im Vergleich zur Kombination aus westlichen Sanktionen und der Korruption des Assad-Regimes angesehen. Mit Assad war nun mehr zu verlieren.

Viele andere tauchten während der Feiern unter oder verbarrikadierten sich voller Angst in ihren Häusern. Wieder andere flohen hastig ins Ausland oder lebten versteckt und vorsichtig.

Jihadisten übernehmen die Macht

Ein Jahr nach der Machtübernahme erfährt die neue dschihadistische Regierung zunehmend internationale Anerkennung, was zu einer schrittweisen Lockerung der Sanktionen führt. Für die meisten Syrer bleibt die wirtschaftliche Lage jedoch prekär.

Was dem neuen Regime jedoch noch schwerfällt, ist genau die Versöhnung, die Assad nie gelungen ist und die zu seinem Fall beigetragen hat. Diese wurde durch einige tragische Gewalttaten extremistischer Gruppen verhindert, die Massaker verübten und religiöse Minderheiten verfolgten, etwa Alawiten an der Küste oder Drusen in der Region Sweida, mit Hunderten zivilen Opfern. Mehrere internationale Berichte warnten bereits vor dem Risiko ethnischer Säuberungen. In den letzten Tagen füllten sich die Plätze in einigen syrischen Städten mit mutigen Demonstranten, die von der neuen Regierung fordern, die Extremisten in den eigenen Reihen in Schach zu halten.

Hoffnung und Angst

In Rami – wie in unzähligen Syrern – leben heute Hoffnung und Angst nebeneinander. Angst vor neuen Gräueltaten, Verfolgung oder einem erneuten Absturz, vor einem Leben unter der Scharia. Gleichzeitig gibt es Hoffnung, dass die politische Wiederannäherung der Außenwelt Syrien aus der wirtschaftlichen Isolation lösen könnte – und dass das Leben vielleicht irgendwann besser wird. Die gesellschaftlichen Spaltungen, die sich durch den Krieg verschärft haben, werden durch die jüngsten Massaker weiter verstärkt. Sie erinnern die Syrer daran, dass der Krieg erst dann wirklich enden wird, wenn es eine echte nationale Versöhnung zwischen allen Teilen der Gesellschaft gibt – egal, ob sie mit der Opposition, den Terroristen oder dem Regime gelebt oder zusammengearbeitet haben. Heute scheint diese Versöhnung noch sehr fern.♦

Luca Steinmann

Autor bei Libratus

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