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Alte Fachwerkhäuser an einem Fluss
© Bild:123RF Bildagentur; Scanrail.

Internationaler Provinzialismus?

Viele Großstädter lobpreisen den Internationalismus und sehen nur darin ein probates Mittel gegen Engstirnigkeit und provinzielles Denken. Ländliche Gegenden oder Heimatverbundenheit werden hingegen oft lächerlich gemacht und mit Borniertheit assoziiert. Bei näherem Hinsehen erscheinen jedoch viele dieser „offenen“ Menschen allein durch ihren Lebensstil von der Durchschnittsbevölkerung abgekoppelt und entfremdet.

Jan David Zimmermann | Kommentar | 03. Januar 2025

Zu beobachten ist daher eine Form von internationalem Provinzialismus, der von den eigenen Lebensentwürfen nicht abstrahieren kann und sich hermetisch von anderen Lebensrealitäten abschirmt. Aus dem Milieu der Kunstschaffenden oder Wissenschaftler kenne ich die Einstellung gut, dass mit dem Wunsch, in großen Metropolen zu leben, auch die Bejahung einer internationalen Lebensweise einhergeht. Je internationaler und je größer, desto besser.

Ich erinnere mich noch an die Aussage einer Bekannten aus dem Bereich Bühnenbild, die meinte, Wien sei ja gar keine Großstadt, erst bei Berlin könne man davon sprechen. Diese Unterredung ist zwar schon etwas länger her, dennoch lag schon damals die Bevölkerung Wiens bei knapp zwei Millionen.

Ausland als Qualifikation

Auch in der Wissenschaft gibt es die Attitüde (aber auch den beruflichen Druck), dass man erst dann wissenschaftlich herausragend ist, wenn man mehrere Jahre im Ausland verbracht hat und so flexibel ist, dass man schon morgen eine Stelle in Cambridge oder Paris antreten könnte. Wenn es dann jedoch „nur“ Graz oder Linz wird, bekommt das wissenschaftliche Ego schon einen gehörigen Dämpfer. Aber man tröstet sich damit, dass man ja nur übergangsweise dort ist, vermeidet es gehörig, Fuß zu fassen und für Tagungen ist man ohnehin wieder international mit dem Flieger unterwegs – allen milieuinternen moralischen Klimadiskussionen zum Trotz. So führt man bisweilen ein Jetset-Leben – wenn auch ohne Jetset-Gehalt; denn linke urbane Milieus sind zwar oft privilegiert, gehören jedoch selten zu den Superreichen.

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