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Christian Wehrschütz Kameramann Ukraine Front
Als Kriegsberichterstatter lebt Christian Wehrschütz höchst gefährlich. Hier mit seinem Team in der Ukraine. © Wehrschütz/ORF.

„Das war kein Attentat auf mich persönlich“

ORF-Journalist Christian Wehrschütz ist vor einigen Tagen nur knapp mit dem Leben davongekommen. Die Drohne, die sein Auto durchschossen hat, sei von Russland entsandt worden. Woher der langjährige Ukraine-Korrespondent das weiß und warum er Russland den Angriff dennoch nicht übelnimmt, verrät er in einem Gespräch. Und auch etwas über sein neues Buch.

Daphne Hruby | Politik | 14. November 2025

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Das gesamte Interview mit Christian Wehrschütz

„Hallo, Christian?“ Ein Knacken im Telefon. Im Hintergrund ist das Brummen eines Automotors zu vernehmen. „Hörst du mich?“ Und dann nach einigen Sekunden: „Ja, ich höre dich, schlimmer Albe. Was hast du mir in meinem Schlaf zu sagen?“ In diesem Moment wird klar: Christian Wehrschütz geht es gut. Und er befindet sich momentan auf Achse. Wiedermal. „Ich hoffe nicht, dass du schläfst?“, folgt meine Retourkutsche. „Nachdem ich mir gerade auf der Autofahrt von Kiew nach Lemberg eine alte Marcel Prawy-Einführung in den Ring des Nibelungen angeschaut habe, ist mir jetzt natürlich das Zitat von Hagen eingefallen.“

Natürlich. Es gibt kaum ein Gespräch, in dem der Richard Wagner-Fan Christian Wehrschütz nicht kleine Passagen aus dem Repertoire des Komponisten einstreut.

Christian Wehrschütz und ich kennen uns seit mehreren Jahren. Warum ich Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, das an dieser Stelle verrate? Weil die Autorin dieser Zeilen nichts von Heuchelei hält, zu welcher sie auch das Vorgaukeln einer Distanzierung zählt, wenn diese nicht vorhanden ist. Ich bin Wissenschaftsjournalistin. Als solche habe ich mir von meinen Interviewpartnern eines abgeschaut: gleich zu Beginn persönliche Verhältnisse offenzulegen.

Autofahrt fast tödlich

Es knackt wieder im Telefon. Die Verbindung in die Ukraine ist nicht die beste. Vor allem, wenn Wehrschütz durchs Land fährt. Wie jetzt gerade nach Lemberg, um dort einen ORF-Beitrag über den Drohnenkampf und dessen Abwehr zu drehen. Dass dieses Thema ein akutes ist, hat der Korrespondent kürzlich am eigenen Leib erfahren. Am Samstag, den 8. November befand sich der 64-Jährige mit seinem Team auf einer Autofahrt durch die Ostukraine. Genauer gesagt waren sie auf der Reise in die Stadt Kostiantynivka. „Wir wollten dort die Evakuierung von Zivilisten filmen“, erklärt Wehrschütz und fügt hinzu: „Wir haben uns da eigentlich schon im Frontgebiet bewegt.“ Genau dieses, nämlich das Frontgebiet, habe sich seit der breitflächigen Verwendung von Drohnen stark ausgedehnt. „Man nennt das heute die ‚Todeszone‘. Und die beginnt bereits 20 bis 40 Kilometer vor der eigentlichen Front. Das macht das Leben natürlich viel gefährlicher.“

Und zwar sowohl für die Menschen, die in diesen Regionen leben, als auch für Journalisten, die darüber berichten. Über beide Aspekte – nämlich den Alltag der Bevölkerung und die Arbeit als Korrespondent in einem Krieg – schreibt Wehrschütz auch in seinem neuen Buch „Frontlinien. 25 Jahre zwischen Krise, Krieg und Hoffnung“, welches kürzlich erschienen ist.

Mitfahrer als Lebensretter

Seither ist sein diesbezüglicher Erfahrungsschatz um eine Episode reicher. Wie Wehrschütz den Drohnen-Angriff erlebt hat? „Ich saß vorne rechts neben dem Fahrer. Begleitet wurden wir von einem Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, der hinten saß. Und der hat die Fahrt über aus dem Fenster gefilmt.“ Diese beiläufige Dokumentation hat den Insassen des Autos wahrscheinlich das Leben gerettet. „Denn dadurch hat er die sich annähernde Drohne entdeckt.“ Ab dann ging alles sehr schnell. Und es musste auch sehr schnell gehen. „Er schrie: Raus, raus! Ich habe mich auf den Boden geworfen. Und dann hat man auch schon die Explosion gehört. Das Geschoss ist sofort durchs Auto gegangen.“

Kharkiv near frontline bulletproof 1 webWehrschütz hat schon viele zerstörte Autos am Wegesrand gesehen, wie hier in Kharkiv in der Nähe der Front. Diesmal war es sein eigenes. © Wehrschütz/ORF.

Wehrschütz ist sich sicher: die Drohne stammte aus Russland. „Es war zwar keine russische Flagge darauf, aber nachdem wir auf die Seite gefahren sind, wo die Russen an der Front stehen, kann es nur eine russische Drohne mit einer russischen Sprengladung gewesen sein. Alles andere wäre unlogisch. Warum hätte auch jemand aus der Ukraine eine ukrainische Hilfsorganisation beschießen sollen?“, spielt der Journalist den Ball an Skeptiker dieser Version zurück.

„Hanebüchen“, nennt Wehrschütz zugleich Vermutungen, der Angriff habe ihm gegolten. „Das ist kein Attentat auf mich persönlich gewesen. Das wäre ja absurd. Wir waren im Rahmen eines Journalisteneinsatzes in Frontnähe. Das ist wie beim Bergsteigen: Wärst du nicht raufgestiegen, wärst du nicht runtergefallen.“ Dementsprechend hegt der 64-Jährige auch keinen Groll gegen Russland. „Wieso sollte ich auch?“, fragt er abermals zurück.

Kritik aus beiden Lagern

Diese nüchterne Haltung beschert dem Korrespondenten regelmäßig Kritik – und das aus beiden Lagern. Während ihm die einen vorwerfen, er würde zu russlandfreundlich berichten, meinen die anderen, er verbreite Ukraine-Propaganda. Das macht Wehrschütz sehr zufrieden. „Denn wenn ich von beiden Seiten kritisiert werde, muss ich eigentlich gut liegen.“ Dass man als Ukraine-Korrespondent nicht einfach mal die Frontlinie überqueren und nach Russland einreisen kann, liegt in der Natur eines Krieges.

Wie es zu eben diesem in der Ukraine gekommen ist, beleuchtet Wehrschütz ebenfalls in seinem Buch. Denn ein Konflikt falle nicht plötzlich vom Himmel. Wobei der Journalist unterstreicht: „Es ist keine Frage, wer hier das Opfer des Angriffs ist.“ Es sei nun einmal Russland gewesen, dass die Ukraine im Februar 2022 überfallen habe. „Aber auch Opfer sagen nicht immer die Wahrheit.“ Und hier auch kritisch auf Entwicklungen innerhalb der Ukraine zu blicken, sei „kein Putin-Narrativ“, sondern der Inbegriff von journalistischer Arbeit, betont Wehrschütz.

Bericht über Korruption

Und dieser komme er auch nach. Zuletzt etwa in seinem Bericht über einen Korruptionsskandal, der bis hinauf zum ukrainischen Justizminister Herman Haluschtschenko reicht, der mittlerweile zurückgetreten ist. Auch Timur Minditsch – ein Vertrauter von Präsident Wolodymyr Selenskyj – soll in den 100-Millionen-Dollar-Skandal rund um den Atomenergiekonzern „Energoatom“ verwickelt sein. (nachzuhören im Ö1-Mittagsjournal-Interview mit Christian Wehrschütz.)

20230308 Tschasiv Jar Invincibility point 4 webDer direkte Kontakt mit der Bevölkerung ist dem vielsprachigen Christian Wehrschütz wichtig und gelingt ihm auch. © Wehrschütz/ORF.

Wehrschütz hatte einige Zeit lang auch seine Akkreditierung in der Ukraine verloren. Seit einigen Monaten besitzt er sie wieder, wie er verrät. Zur vorherigen Aberkennung sagt er: „Das war ein Versuch, in Zusammenarbeit mit ein paar guten Freunden in Österreich – Freunden unter Anführungszeichen – mich loszuwerden, eben weil ich das hohe Lied der ukrainischen Kriegspropaganda nicht mitgesungen habe und auch jetzt nicht singe“, meint der Journalist, dem damals vorgeworfen wurde, er habe in einem Bericht auf Videomaterial aus der russischen Kriegsorgel zurückgegriffen.

Der ORF-Beitrag drehte sich um die Verhaftung ukrainischer Männer, die nicht bereit waren, für ihr Land in den Krieg zu ziehen. „Es existieren mittlerweile über 100 Videos, die zeigen, wie Fahnenflüchtige ‚eingezogen‘ werden. Trotzdem war die Verwendung dieses Videos ein Fehler, weil es umstritten ist. Dafür habe ich mich ausdrücklich entschuldigt“, verteidigt sich Wehrschütz auf seiner Website.

Unterstellungen auf Wikipedia

Dort findet sich auch eine Erwiderung auf Unterstellungen, die seit Jahren über Wehrschütz auf der Internetplattform Wikipedia kursieren. „Natürlich verwendet jeder Wikipedia. Aber wenn ich etwas wirklich recherchieren will, dann mag das ein Einstieg sein, aber danach muss ich auf jeden Fall zu seriösen Quellen übergehen. Und Wikipedia ist einfach keine seriöse Quelle.“ Den Versuch einer dortigen Richtigstellung bezeichnet Wehrschütz als „Kampf gegen Windmühlflügeln. Es ist wie ein Femegericht, denn dort kann einfach jeder anonym Dinge verbreiten, die nicht stimmen.“ Weswegen der Journalist auch für Klarnamen im Internet plädiert. „Es soll möglich sein, jemanden einen krummen Hund zu schimpfen“, aber dann solle dieser jemand auch dazu stehen, findet Wehrschütz. „Das Verstecken hinter Namen wie ‚Schatzi23‘ oder ‚Wolfi35‘ – das dürfte es nicht geben.“ Zugleich steht der Journalist allzu restriktiven Beschränkungen im World Wide Web äußerst kritisch gegenüber.

Im Zweifel für die Freiheit

„Im Zweifel für die Freiheit“, pointiert es Wehrschütz, dem vor allem eines große Sorge bereitet: der Verlust an Diskussionskultur. Apropos: Christian Wehrschütz und ich tauschen uns seit Jahren über unterschiedlichste Themen aus. Dabei sind wir keineswegs immer einer Meinung. Wir vertreten durchaus unterschiedliche politische Standpunkte. Genau das macht unsere Unterhaltungen aber umso anregender – und oftmals auch lange.

Wie zur theatralischen Untermalung, schlägt Opern-Enthusiast Christian Wehrschütz nach circa einer Stunde Gespräch die Autotür zu und sagt in verschmitztem Ton: „Also wenn mich meine geehrte Kollegin jetzt dann nicht mehr löchert, dann werden wir nun schauen, wie weit wir noch von Lemberg entfernt sind.“ Offenbar haben der Journalist und sein Team eine kurze Pause auf der langen Fahrt eingelegt. „Dann werden wir dort in Lemberg Quartier beziehen. Und dann werde ich noch eine ZIB-1-Geschichte machen.“♦

Zum Weiterlesen:

Christian Wehrschütz, Frontlinien - 25 Jahre zwischen Krise, Krieg und Hoffnung. Verlag edition a, 2025.

Daphne Hruby

Autorin bei Libratus

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