Wikipedia als „Verleumdungsmaschine“?
Die Internet-Plattform „Wikipedia“ sollte das Wissen der Welt bündeln, alle sollten mitmachen. Geworden ist daraus ein Instrument der Manipulation, Diffamierung und Werkzeug einiger Weniger, sagen seine Kritiker. Einer der Wikipedia-Gründer zählt zu den heftigsten Kritikern.
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Larry Sanger ist ein Visionär. Er war Mitbegründer der heute weltweit bekannten Plattform „Wikipedia“ und gab dieser auch ihren Namen. Die Idee damals vor einem Vierteljahrhundert war bestechend: Man wollte die groß in Mode gekommene „Schwarmintelligenz“ nutzen, um eine Online-Enzyklopädie daraus zu machen. Also eine Art „Brockhaus 2.0“. Jeder, so die Annahme, verfüge über Wissen und Detailwissen. Trage man dies zusammen, könnte man auf dieser Plattform das gesamte Wissen aller Menschen sammeln und kostenlos der Menschheit zur Verfügung stellen. Und der Schwarm sorge für Ausgewogenheit und Gleichgewicht und sollte eine neutrale Wahrheit produzieren.
Bei der altehrwürdigen Brockhaus-Enzyklopädie, die früher jeder Bildungsbürger zumindest für Besucher gut sichtbar im Regal stehen hatte, gab es Fachredakteure. Diese stellten zu jedem Eintrag den entsprechenden Erklär-Beitrag zusammen, der wiederum geprüft und lektoriert wurde. Ein aufwändiges Verfahren. Und die Bände waren dementsprechend ziemlich teuer. Man sollte sich auf den Inhalt verlassen können, auch wenn dieser natürlich Lücken aufwies, denn man konnte nicht jedes Thema behandeln.
So ähnlich dachte auch Larry Sanger, als er die grundlegenden Richtlinien für Wikipedia festlegte. Eine davon war die Verpflichtung zur Neutralität. 2002 verließ er das Unternehmen wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem anderen Gründer Jimmy Wales. Mittlerweile, so kritisiert Sanger, hat man diesen Grundsatz längst verlassen. Wikipedia sei immer mehr ideologisch voreingenommen.
Dies zeige sich besonders bei politisch heiklen Themen – oder auch bei exponierten Personen mit Standpunkten, die den Redakteuren nicht gefallen. Wikipedia sei gar zu einer „Verleumdungsmaschine“ geworden, kritisierte er in einem Interview mit der deutschsprachigen Ausgabe der „Epoch Times“.
Eigentlich müssen alle Inhalte eines Artikels auf Wikipedia von den Autoren – ob registriert oder nicht – mit Quellen belegt werden. Doch garantiert auch dies keine Neutralität, ganz im Gegenteil. Sanger sagt, dass bestimmte Medien, die meist als Quellen dienen, bevorzugt würden, während andere nie genannt würden. Es gäbe eine Art schwarze Liste. Somit würde es zu einer Verzerrung kommen und bestimmte Meinungen ausgegrenzt werden.
Ein Bereich, bei dem die Grundidee noch recht gut sichtbar ist, ist der Bereich Fotos und Bilder bei Wikimedia. Dort finden Nutzer eine riesige, weltweite Datenbank an Material, das von Fotografen, Archiven und Bildstellen hochgeladen und kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Eine kritische Sichtung ist dennoch angebracht. Das zeigt sich etwa am Material über die Proteste in Teheran letztes Jahr: Hier gibt es zahllose Bilder der pro-Regierungs-Demos der staatlich-iranischen Agentur, aber nur einzelne verschwommene Bilder der Anti-Regierungs-Demo, die niedergeschlagen wurde.
Klagen rechtlich schwierig
Beschwerden gegen falsche Inhalte oder verleumderische Darstellungen von Personen auf Wikipedia sind schwierig. Die leitenden Redakteure, die die Artikel schreiben und die Beiträge der Autoren redigieren, sind anonym. Man weiß nicht, wer sie sind, und kann sie daher auch nicht klagen. Etliche Anwälte haben sich an Wikipedia die Zähne ausgebissen und konnten ihren Mandanten, die sich öffentlich bloßgestellt sahen oder von denen Lügen verbreitet wurden, nicht helfen.
Ihrer Erfahrung nach ist es kompliziert, weil man sich überlegen muss, ob und wie man gegen die US-amerikanische Wikimedia Foundation als Website-Betreiberin oder gegen einzelne Autoren oder gegen Äußerungen namentlich genannter Dritter vorgehen könnte. Die amerikanische Gesellschaft erstellt und bearbeitet die Inhalte nicht, sodass eine Haftung derselben nur unter speziellen Voraussetzungen in Betracht kommt, etwa wenn sie Kenntnis von rechtswidrigen Inhalten erlangt. Die Inhalte werden von einzelnen Usern erstellt und betreut, wobei diese in der Regel nicht identifizierbar und greifbar sind. Und inhaltlich müsste ein berechtigter Anspruch bestehen, auf Basis dessen man eine Löschung bzw. Unterlassung fordern könnte.
2021 wurde dennoch erstmals ein Wikipedia-Autor in Deutschland vom Landgericht Koblenz zu Schadenersatz verurteilt, weil er einen Eintrag über eine Person „einseitig negativ geändert“ hatte. Der Komponist Elias Davidsson hatte erfolgreich geklagt, unter anderem weil der Name des Autors bekannt war.
Johannes Weberlin, Medienrechtler der Universität Frankfurt/Oder, leitet die Medienforschungsstelle „Wiki-Watch“: Wikipedia sei weiter als je zuvor davon entfernt, eine seriöse Informationsquelle zu sein und das Weltwissen zu dokumentieren, meint er im Interview mit „Nano“. Besonders in politischen und zeitgeschichtlichen Artikeln gebe es keine Neutralität, ganz im Gegenteil.
Die Mutter-Plattform Wikimedia in Deutschland meinte zu den Vorwürfen, es liege „im Auge des Betrachters, was davon nützlich ist“, so deren Sprecher Michael Jahn. Wikipedia sei immer noch eines der beliebtesten Plattformen mit den meisten Aufrufen weltweit, also sei es offenbar noch immer relevant, so die dünne Rechtfertigung.
Die Verzerrung und Fehlerhaftigkeit sind nicht nur böswillige Absicht, sondern es liegt auch in der Eigenheit der Plattform, die es nur online gibt. Bezugspunkt für Wikipedia sind nämlich meist online-Artikel von Medien, nicht unbedingt Fachartikel, Studien und schon gar nicht Quellen, die es ausschließlich in gedruckter Form gibt. Somit ist das System zusätzlich fehleranfällig und selbstreferenziell. Ein großer Teil des Menschheitswissens wird somit ausgeblendet.
Schwarmintelligenz versagt
Dazu kommen noch massive kommerzielle Interessen, denn eine so stark genutzte Plattform hat viel Einfluss. So etwa versuchen Lobbyisten und große Unternehmen, Artikel zu ihren Gunsten und nach ihren Interessen zu manipulieren. „In der Regel fällt das auf“, sagt Wikimedia in Person von Michael Jahn. Doch Tests und die reine Beobachtung zeigen, dass dies nur teilweise der Fall ist. Auch hier versagt die „Schwarmintelligenz“.
Jeder darf also sein Wissen zwar beitragen, dennoch gib es auch „Redakteure“. Und über diesen wachen die Administratoren. Im deutschsprachigen Raum gibt es nur etwa 200 davon, sie werden von Usern gewählt, auf unbestimmte Zeit, im Extremfall lebenslänglich. Diese Administratoren entscheiden darüber, ob etwas relevant und objektiv ist. Der „Schwarm“ ist also recht klein (geworden). Die Administratoren haben also die Entscheidungshoheit, dürfen Nutzer sperren und Beiträge entfernen oder ändern, ganz nach Belieben. Und sie sind anonym, haben aber sehr viel Macht.
Enorme Macht für Wenige
Über ihnen stehen „Bürokraten“ mit Verwaltungsaufgaben und darüber noch sogenannte „Stewards“ – von ihnen gibt es weltweit angeblich nicht einmal 40 Personen. Letztlich entscheiden sie über Wikipedia und dessen Inhalte. Vom Massenwissen ist durch diese strikte Hierarchie kaum mehr etwas übriggeblieben – und es öffnet Machtmissbrauch Tür und Tor. Die Wikipedia-„Elite“ kann ihre persönlichen Meinungen ungehemmt und ungeprüft durchsetzen.
Vom Slogan „The free Wikipedia“ ist da nicht viel übrig. Sanger hat mehrere Reformvorschläge gemacht, so etwa die Zulassung konkurrierender Artikel, ein transparentes Bewertungssystem, eine Redaktionsversammlung und vor allem die Wiederherstellung der ursprünglichen Neutralitätsrichtlinien. Doch all dies und die Anregung von Larry Sanger, eine externe fachliche Kontrolle einzubauen, wurden nie aufgegriffen.
Vielleicht schafft es die neue Konkurrenz, Wikipedia zu verbessern – oder es obsolet zu machen: Kürzlich gründete Elon Musk „Grokipedia“. Man wird sehen, ob es besser ist und sich durchsetzen kann. Oder man kehrt zurück zum guten alten Brockhaus – den gibt es übrigens auch online unter folgender Adresse: https://brockhaus.de/ecs/enzy. Ein Vergleich lohnt.♦
Zum Weiterlesen:
Über dieses und andere Themen dieser Ausgabe spreche ich mit CR Christoph Wellner in "libratus on air", dem monatlichen Talk auf Radio Klassik Stephansdom: https://radioklassik.at/programm/sendungsformat/16732/